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Aldus Die Moderne ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Mit dem Thonet Nr. 14 beginnt das Zeitalter des Industriedesigns bereits mitten im Biedermeier.

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ein Name steht für eine Karriere wie aus dem Bilderbuch: Innerhalb dreier Jahrzehnte schaffte Michael Thonet aus dem rheinischen Boppard den Aufstieg vom Tischlerlehrling zum Inhaber eines weltweit operierenden Firmenimperiums. Entscheidend war dabei ein einziges Verfahren, das der handwerklich begabte Thonet in jahrelanger, mühsamer Tüftelei immer weiter verfeinerte: Die Bugholztechnik. Während ganz Europa bei Möbeln noch auf einen schweren, massiven Stil schwor, den aufwendige Drechseleien und Schnitzornamente verzierten, konzentrierte sich Thonet darauf, Holzstäbe mit Hilfe von Wasserdampf und Schablonen bruchfrei in jede beliebige Form zu biegen. Die entstehenden Möbel waren von nachgerade moderner Anmutung: Leicht, einfach in ihren Formen, ohne überflüssige Bauteile.

thonet-nr-14 Thonets Meisterstück war der „Consumsessel Nr. 14“, seines günstigen Preises wegen auch „Drei-Gulden-Stuhl“ genannt, der 1859 in Produktion ging. Er besteht lediglich aus sechs Holzteilen, sechs Schrauben und der geflochtenen Sitzfläche, wobei die beiden hinteren Beine sowie der obere Lehnenbogen auf genialische Weise von einem einzigen Stück Holz gebildet werden. Der Stuhl ist nicht nur von unmittelbar ansprechender, klarer Eleganz, sondern war für damalige Verhältnisse vor allem hocheffizient in der Herstellung: Die Formen in Bugholztechnik konnten auch von angelernten Hilfskräften reproduziert werden, da nichts geschnitzt und gedrechselt wurde, fiel auch kaum Holzabfall an; durch die Verbindung mittels Schrauben konnten die Stühle als flaches Paket ausgeliefert und erst vor Ort montiert werden, was die Kosten des Versands niedrig hielt. Ein anderer Vorteil der Verschraubung war und ist, dass sie — anders als eine Verleimung — jederzeit nachgezogen werden kann. Die Robustheit des Thonet Nr. 14 ist legendär: Angeblich fiel bei der Einrichtung des Restaurants im Eiffelturm ein Nr. 14 aus dem Fenster — und überstand den 57 Meter tiefen Sturz unbeschadet.

thonet-nr-14-2 Nicht zuletzt der effizienten, maschinengemäßen, und doch den Ansprüchen an ein ästhetisches Äußeres der Gebrauchsgegenstände genügenden Fertigungsmethoden wegen, die er bei all seinen Möbelstücken einsetzte, gilt Michael Thonet als ein Pionier des Industriedesigns. Werkbund und Bauhaus stehen gemeinsam mit anderen Strömungen des beginnenden 20. Jahrhunderts tiefer in seiner Schuld, als es ihr oft revolutionäres Selbstverständnis je erkennen ließ. Immerhin zollten ihm Größen wie Adolf Loos und Le Corbusier ihre ausdrückliche Anerkennung und der Architekt Alvaro Siza sprach seinem Stuhl Nr. 14 — kurz und knapp — die höchste denkbare Anerkennung aus: „Es ist der Stuhl.“

Zu dieser großen Wirkung trug allerdings nicht nur das unmittelbar einleuchtende und doch raffinierte Design des Stuhl Nr. 14 bei, sondern auch seine gewaltige Verbreitung: Bereits 1891 waren mehr als sieben Millionen Stück verkauft, 1930 waren es 50 Millionen — die zahllosen Nachahmungen nicht mitgerechnet, sie gehen ebenfalls in die Millionen. Thonets Stuhl Nr. 14 ist bis in die Gegenwart das meistproduzierte Möbelstück geblieben. Gern und häufig wurde er in den Cafés der alten k.u.k. Hauptstadt Wien, in der die Firma lange Zeit ihren Hauptsitz hatte, eingesetzt — daher sein Beiname „(Wiener) Kaffeehausstuhl“. Das alte, über ganz Europa sich erstreckende Möbelimperium ist heute zerschlagen, in Deutschland wird der Nr. 14 von der immer noch auf den Namen des Gründers lautenden Firma Thonet im hessischen Frankenberg als „Modell 214“ weiterhin produziert.

-aldus



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