eames-chair-thumb

aldus- Wenn man den Rest seines Lebens in einem einzigen Sessel zubringen müsste, für welchen würde man sich entscheiden? Der Eames Chair ist ein vielversprechender Kandidat.

D

er Begriff „Design-Ikone“ ist furchtbar strapaziert — und hier ist er gänzlich fehl am Platz. Der Eames Lounge Chair and Ottoman, wie die Kombination korrekt heißt, entworfen 1956 vom Ehepaar Charles und Ray Eames für die Möbelfabrik Herman Miller, wurde nämlich von Ray Eames selbst mit einem vielsagenden Adjektiv belegt: „un-designy“. Tatsächlich habe ihnen beim Entwurf ein alter Baseballhandschuh vorgeschwebt, nach langjährigem Gebrauch der eigenen Hand perfekt angepasst, in den man unwillkürlich hineinschlüpfen möchte.

Eames-Chair Herausgekommen ist ein Design, das so natürlich wie selbstverständlich ist — als halte der Raum selbst die hohle Hand auf, in die man sich einschmiegen kann. So ist der Eames Chair zum Sinnbild für eine Moderne geworden, die sich nicht krampfhaft vom Alten lösen, sondern nur das Erstarrte daran über Bord werfen möchte. Mögen andere mit revolutionären Materialien und expressionistischen Formen ihre Besitzer quälen: Der Eames Chair weiß, dass echte Entspannung nie aus der Mode kommt.

Während viele Alltagsgegenstände der fünfziger Jahre mittlerweile ein Hauch von biederer Muffigkeit umweht, wirkt der Eames Chair auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Präsentation wie eine schlagende Idee, auf die gerade erst jemand gekommen ist. Seine Anhängerschaft rekrutiert sich schon lange nicht mehr nur aus Designern und Architekten, bei denen der Eames Chair schon immer in höchster Achtung stand, sondern umfasst inzwischen breiteste Bevölkerungskreise. Die Firma Herman Miller produziert den Sessel noch immer (in Deutschland im Vertrieb der Firma Vitra), auch gibt es mittlerweile zahllose Nachahmungen, doch die ursprüngliche Anmutung des Originals wird nicht mehr ganz erreicht: Die ersten Modelle verwandten für die Holzschalen Brasilianischen Palisander (Dalbergia nigra, auch Rio-Palisander genannt), für den seit 1968 ein Ausfuhrverbot besteht, 1992 wurde er unter Artenschutz gestellt. Heute werden die verschiedensten Holzsorten eingesetzt, darunter auch der nachhaltig verfügbare Santos-Palisander.

Als der Eames Chair in Arlene Francis‘ Show „Home” 1956 erstmals vorgestellt wurde, brachte die Gastgeberin das — bei allem „un-designy“-Anspruch — dann doch einmalige Design in einer Weise auf den Punkt, die sehr viel über den Geist der fünfziger und sechziger Jahre aussagt und noch heute eine Art Kurz-Gebrauchsanleitung für den richtigen Umgang mit unserer Konsumkultur darstellt: „Das Verlangen der Eameses, sich frei in einer Welt enormer, unbeschränkter Möglichkeiten zu bewegen, verbindet sich mit einem sehr akkuraten Sinn für Urteil und Geschmack. Es ist die Fähigkeit, unter den unbeschränkten Möglichkeiten auszuwählen und im Gegenzug der Welt bemerkenswerten Reichtum zu schenken.“

-aldus




Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar