Manieren

aldus- Kaffee aus der Untertasse trinken — das ist nur etwas für Hottentotten? Weit gefehlt. Über die bewegte Kinderstube unserer Umgangsformen und warum alles andere als selbstverständlich ist, was sich angeblich von selbst versteht.

„D

ie Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Das Problem scheint aktuell und ist doch altbekannt — denn diese Klage stieß kein anderer als der griechische Philosoph Sokrates bereits im fünften Jahrhundert vor Christus aus. Zu allen Zeiten haben Menschen das Verhalten anderer kritisch betrachtet und versucht, dem ein richtiges Verhalten entgegenzustellen. Nur: Was ist „richtiges Verhalten“? Die Flut heutiger Benimmratgeber erweckt den Eindruck, hier seien einfache, logische Antworten möglich, auf die man mit etwas Nachdenken  auch selbst kommen könnte. Doch die heute üblichen Umgangsformen wurden uns nicht auf Steintafeln gemeißelt aus dem Himmel herabgereicht — sie haben eine lange und oft genug abenteuerliche Reise hinter sich.

Manieren1 In seinem Roman ‚Der Ring‘, entstanden um 1408/10, schildert Heinrich Wittenwîler Brautwerbung und Hochzeit eines Bauernpaares und liefert bei der Beschreibung des Festessens ein ironisch-humorvolles Beispiel dessen, was damals bei Tisch als ungehörig angesehen wurde: „Einige saßen auch gar vornehm weit über die Schüsseln gebeugt, dass die Fahrt recht kurz sei, denn die Lasten waren schwer. […] Wenn ihnen etwas vom Löffel oder aus der Kehle fiel, kam es wieder in die Schüssel hinein, denn ihre Mäuler waren weit und allzeit offen. […] Den ganzen Most, der im Haus war, trugen die Diener heran: Man schenkte ihn rasch aus und sie tranken und soffen, bis ihnen die Augen tropften. Gegen den Willen seiner Kumpane trank Penz Trinkviel den ersten, zweiten und dritten Krug leer, letzteren bis zur Hälfte. Seht, da keuchte er und wischte den Schweiß an das Tischtuch! Er legte sich voll Anstand mit Händen und Ellbogen auf den Tisch — damit hatte er’s überstanden.“ Die Drastik dieser Schilderung wie auch anderer Zeitzeugnisse legt nahe, dass in Mittelalter und Früher Neuzeit Manieren bereits sehr viel früher und bei grundlegenderen Dingen als heute begannen. Und das nicht nur bei Tisch, wo gehobene Esskultur schon bewies, wer beim Griff in die gemeinschaftliche Schüssel nur drei statt aller fünf Finger benutzte. „Es ist unhöflich, den zu grüßen, der uriniert oder seinen Magen entleert“, bemerkte Erasmus von Rotterdam in seinem Werk ‚Über die Verfeinerung der kindlichen Sitten‘ (1530) und noch 1619 hielt es Richard Weste in seinem ‚Buch des Benehmens‘ für nötig, seinen Lesern zu raten: „Lass nicht Deine Geschlechtsteile so offen liegen, dass man sie sieht, es ist höchst beschämend und abstoßend, verabscheuenswürdig und ungehobelt.“ Die hygienischen Verhältnisse an vielen Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts sind Gegenstand mannigfaltigen Staunens geworden, welche Räumlichkeiten und Nischen im einzelnen tatsächlich als Abort zweckentfremdet wurden und welche nicht, wird wohl nie abschließend zu klären sein. Erhalten sind aber etwa ovale Porzellanschalen („Bourdalou“ genannt): Sie ermöglichten es Frauen mit geräumigen Reifröcken, Predigten oder Konzerte ohne Toilettenpause anzuhören, die Zofe erledigte dann den Rest. Auch das in Deutschland noch bis ins späte 19. Jahrhundert verbreitete öffentliche Ausspucken (auf Tische wurden Spucknäpfe gestellt, an Möbeln hübsche, mit Sand gefüllte Porzellanschalen angebracht, um die Teppiche zu schonen) sollte man sich vor Augen halten, bevor man über angeblich barbarische Sitten der Chinesen klagt.

aldus- Ein Herr darf einen Ast, eine Aktentasche, ein halbes Schaf oder einen Bilderrahmen tragen, aber keine Tüte.

Prinz Asfa-Wossen Asserate, ‚Manieren‘

Spätestens um 1900 ist von alledem nichts übriggeblieben, der Körper und seine Funktionen sind aus dem Reich des Sicht- und Hörbaren verbannt: „Verlangen Sie eine Rolle Hakle, dann brauchen Sie nicht Toilettenpapier zu sagen!“ empfahl die Firma ihren Kunden 1928, und als etwa um dieselbe Zeit die erste Wegwerfbinde auf den deutschen Markt kam, wurde sie in nicht näher bezeichnete blaue Schachteln verpackt, denen ein Zettel für den nächsten, wortlosen Einkauf beilag: „Bitte, geben Sie mir eine diskret verpackte Camelia-Schachtel!“

Manieren2 Doch es wäre falsch, wenn man die Geschichte der Manieren als eine fortschreitende Verfeinerung bis zu einem bestimmten Punkt im 20. Jahrhundert beschriebe. Die Tafelsitten waren im 16. und 17. Jahrhundert von einer Komplexität, die schon dem 19. Jahrhundert nicht mehr geläufig war: In höfischen Kreisen erforderte etwa das Halten und Leeren filigraner Gläser eine derartige Feinmotorik, dass an harte Landarbeit gewohnte Hände gar nicht dazu imstande gewesen wären. Untergegangen ist etwa auch der Verhaltenskodex der vom 17. bis ins 19. Jahrhundert weiten Kreisen geläufigen Fächersprache (den Fächer offen in der linken Hand halten: „Kommen Sie und unterhalten Sie sich mit mir!“, zweimal durch die Hand ziehen: „Küssen Sie mich!“, über die Stirn streichen: „Wir werden beobachtet!“, und vieles mehr). Wenn auch manch moderner Ratgeber gern den Eindruck erweckt, die heutigen „Sitten“ verstünden sich von selbst, oder wären in der Natur der Dinge begründet: Vieles ist auch heute noch einfach willkürlich, unhinterfragte Tradition, und genausogut hätte sich das Gegenteil durchsetzen können. Heute „gehört es sich“ zum Beispiel, Brot zu brechen, anstatt es zu schneiden. Doch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts musste hier unbedingt das Messer benutzen, wer sich bei Tisch nicht unmöglich machen wollte. Dabei hatte sich schon 1564 Joannes Sambucus in seinen ‚Emblemata‘ über diese schwer nachvollziehbare Sitte lustig gemacht: „In menschlichen Angelegenheiten gibt es ein verkehrtes Vorurteil des Volkes, und dieses hält an der Sitte fest, die es einmal angenommen hat. So schneidet es mit dem Messer Brot, und was gäbe es Weicheres? Aber harte Nüsse knackt es im Mund mit den Zähnen.“

Der wichtigste Punkt der Höflichkeit ist der, dass Du [...] anderen ihre Verstöße leicht nachsiehst und Deinen Gefährten nicht deshalb weniger liebhast, weil er schlechtere Manieren hat. Es gibt nämlich Menschen, die die Ungeschliffenheit ihres Benehmens durch andere Gaben wettmachen.

Erasmus von Rotterdam, ‚Über die Verfeinerung der kindlichen Sitten‘, 1530

Manieren3 Willkür spielt also bei den nur scheinbar ehernen Sitten eine große Rolle — und natürlich auch der Wille zur Abgrenzung. Es gibt zahlreiche Beispiele für Gebräuche, die von Adel oder hohem Bürgertum nicht zuletzt mit der Absicht angenommen wurden, sich von den niederen Ständen abzuheben. Und wieder aufgegeben wurden, sobald sie sich allgemein durchgesetzt hatten. Im 18. Jahrhundert etwa nahm der französische Hochadel die Attitüde an, den Kaffee zur Abkühlung in die Untertasse zu gießen und ihn dann direkt aus dieser zu trinken. Eine Eigenwilligkeit, die bis dahin in besserer Gesellschaft niemand gewagt hätte. Doch schon ein Jahrhundert später gibt es Genrebilder von Bäuerinnen, die ihren Kaffee mit gewichtiger Miene aus der Untertasse schlürfen. Zu diesem Zeitpunkt freilich hatten Adel und Bürgertum die Sitte längst wieder abgelegt, sie galt fortan als provinziell und ist heute ganz verschwunden. Diese grundlegende Beliebigkeit vieler Sitten war schon früheren Generationen bewusst, und so haben bereits die ersten Verhaltenslehrwerke die innere Einstellung konsequent über die oft willkürlichen äußeren Formen gesetzt.

Das grundlegende Verhaltenslehrwerk der Neuzeit ist Baldassare Castigliones, ‚Il Cortegiano‘ aus dem Jahr 1528, der die Eigenschaften des idealen Hofmenschen beschreibt. Ausgehend von den Überzeugungen der Renaissance ist Castigliones Hofmann ein vielseitig gebildeter, sich ständig perfektionierender Universalmensch, dessen Anlagen harmonisch zur Geltung kommen: Er ist gleichermaßen tatkräftig wie kultiviert, von höfischer Anmut, dabei von kraftvoller Schlagfertigkeit. Ein zentraler Begriff ist dabei die „Sprezzatura“, die Gabe, auch schwierige Handlungen leicht und mühelos erscheinen zu lassen. Castiglione empfiehlt, stets „eine gewisse Art von Lässigkeit anzuwenden, die die Kunst verbirgt und bezeigt, dass das was man tut oder sagt, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande gekommen ist.“ Schon diesem ersten aller „Benimmbücher“ ging es also nicht um das Einengen des Menschen in ein starres Regelwerk, sondern um Schönheit, Leichtigkeit und Anmut des menschlichen Miteinanders. Der ‚Cortegiano‘ hatte eine enorme Nachwirkung: Er prägte die französische Auffassung vom „hônnete homme“ ebenso wie das englische Gentleman-Ideal und wirkte noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts auf vergleichbare Werke anderer Autoren.

Manieren4 Im Zuge der Aufklärung verlor der Adel seine Vorbildfunktion auch im Hinblick auf die Frage nach den richtigen Umgangsformen. Freiherr Adolph von Knigge widmete sich in seinem berühmten, 1788 in erster Auflage erschienenen Werk folgerichtig nicht mehr allein den Verhaltensregeln bei Hofe, sondern nannte sein Buch ganz allgemein ‚Vom Umgang mit Menschen‘. Auch er schrieb keinen simplen Benimmratgeber — wenn das Werk in späteren Auflagen auch nach und nach zu einem solchen entstellt wurde —, sondern ein kluges Buch voll Menschenkenntnis, dem an einer fundierten ethischen Einstellung den Mitmenschen gegenüber gelegen war: „Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. — Das heißt: Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.“ Respekt und Aufmerksamkeit den Mitmenschen gegenüber sind für Knigge das wichtigste, nach Tischordnungen und Messerbänkchen wird man bei ihm vergeblich suchen. Doch auch heute ist es noch so: Wer die richtige innere Haltung einzunehmen sich schwertut, wird immer in äußere Formen flüchten. Und vor allen Dingen unterscheidet den Angekommenen vom Aufsteiger die Souveränität, sich bei Bedarf über alle Regeln hinwegzusetzen. Und sei es nur, um seinen Kaffee schneller trinken zu können.

Manieren. Geschichten von Anstand und Sitte aus sieben Jahrhunderten. Hg. vom Focke Museum. Heidelberg: Edition Braus 2009.
Prinz Asfa-Wossen Asserate: Manieren. Frankfurt am Main: Eichborn 2003.
www.knigge.de





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Kommentare  

 
+6 #1 2009-12-29 18:47
Danke für das Bild mit der Frau mit dem Kaffee in der Untertasse. Ich hatte von dieser seltsamen Sitte schonmal gehört, konnte sie aber nie datieren - was das Bild nun ermöglicht. Über das Bild mit dem 50er-Jahre-Stehfrühstück muß ich schmunzeln, mal sehen, wie lange es dauern wird, bis die Stehcafés (seit den 90ern frühstückt man im Gehen und Stehen in aller Öffentlichkeit) wieder von einer Zeit rein sitzender Behäbigkeit abgelöst werden. Ich hoffe nicht, daß die Verhäuslichung noch einmal so weit fortschreiten wird wie in den 60ern und 70ern, als für Fremde in einem fremden Ort für kein Geld der Welt morgens um 8 ein rechter Kaffee zu bekommen war, und unbedingt zuhause gegessen werden mußte, denn nur dort gab es Essen.
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