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Der Stoff, aus dem unsere Probleme sind. Auguste Rodins ‚Denker‘ führt unaufhaltsam hinab zum Grund der Dinge.

W

er würde Rodins ‚Denker‘ schon gewichtige Gedanken zutrauen, wenn er ihm in Fleisch und Blut auf der Straße begegnete? Helmartige Haartracht, niedrige Stirn, breite Hände, ein ungeschlachter, muskulöser Körperbau … tatsächlich stand Auguste Rodin für die Skulptur der Boxer Jean Baud Modell, dessen Verdienste in der Tat nicht im Feld intellektueller Betätigung zu suchen sind. Trotzdem geht von dem Werk eine Anmutung gedanklicher Tiefe aus, die körperliche Eigenheiten wie die beschriebenen zur Nebensache werden lässt. Was also macht Rodins ‚Denker‘ so gedankenschwer?

rodin-denker Da ist zunächst einmal die versunkene, beinahe zusammengekauerte Haltung des Denkers, die jeden Einfluss von außen abzuweisen scheint. Der Mund ist verdeckt, die Augen sind kaum auszumachen, so tief und verschattet liegen sie in ihren Höhlen. Die Oberfläche der Skulptur ist nicht gefällig glatt, sondern gibt in ihrer roh anmutenden Beschaffenheit ein Gefühl für das enorme Gewicht des Materials. Überhaupt liegt eine Schwere über der ganzen Figur: Oberkörper und Kopf der massigen Gestalt sind nach vorne gesackt, die linke Hand hängt herab, die Zehen der geneigten Füße scheinen sich gegen eine Abwärtsbewegung des Körpers zu stemmen — schließlich der nackte Fels, auf dem der Denker sitzt: Alles an dieser Figur ist im Begriff, herabzusinken, alles strebt nach unten.

Rodins ‚Denker‘ führt uns vor Augen, wie eng unsere Vorstellung abstrakten Denkens mit seinem genauen Gegenteil, nämlich träger, schwerer Masse verknüpft ist. Nicht nur in der deutschen Sprache sind Gedanken tief, versenken wir uns in Problemstellungen, gehen wir einer Sache auf dem Grund. Zwar gibt es auch gedankliche Höhenflüge, doch sind die eher ins Reich der Inspiration zu verorten. Wenn es um die Durchdringung von vorgegebenen Zusammenhängen oder das Lösen von Problemen geht, scheint es nur eine Richtung zu geben, die zum Erfolg führt: unten.

Seit über hundert Jahren ist der Koloss von Rodins ‚Denker‘ also unterwegs zum Grund der Dinge. Man hat den Eindruck, selbst wenn er uns hören könnte, er verstünde unsere Sprache schon nicht mehr. Wie der träumende, in den Wellen seiner Meere mit komplexesten mathematischen Gleichungen spielende Planet in Stanisłav Lems ‚Solaris‘ würde auch Rodins ‚Denker‘ unsere größten Fragestellungen und Probleme wahrscheinlich nur als eine Art belustigendes Vogelgezwitscher wahrnehmen können, so seicht und unbedeutend würden sie ihm anmuten. Vielleicht allerdings, und diese Frage gibt uns die Skulptur auf, vielleicht hat er damit auch recht.

-aldus



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+2 #1 2011-09-12 12:02
sehr guter Artikel. War hilfreich für Kunstreferat
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