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aldus- Gegenverkehr auf dem Weg des Fleisches. Michelangelos Pietà als Lehrstück von Sehen und Glauben.

Diese Statue ist ein Meisterwerk der Verdichtung: Die gesamte Heilsgeschichte findet sich hier konzentriert in einem einzigen, menschlich unmittelbar berührenden Anblick — dem einer Mutter, die ihr totes Kind in den Armen hält. Michelangelos Pietà, entstanden 1499 für den französischen Kardinal Jean de Billheres in Rom, buchstabiert die zentrale Botschaft des Neuen Testaments bis in ihre letzte Konsequenz durch: Gott ist Mensch geworden und folgerichtig stellt Michelangelo Buonarroti den Leichnam Christi ohne jede Überhöhung als eben das dar, was er ist. In stupender bildhauerischer Meisterschaft ist die leblose Hülle ausgebildet, Marias Hand unter der Schulter ihres Sohnes macht die pure Erdenschwere des toten Leibs beinahe fühlbar, der Kopf Christi ist zurückgesackt, in einem anrührenden Detail werden die schlaffen Finger seiner rechten Hand von einer Gewandfalte geteilt.
michelangelo-pieta In Michelangelos Pietà ist der Körper des Heilands überdeutlich den Weg des Fleisches gegangen, doch das Fleisch, matt den Gesetzen der Schwerkraft folgend, ist nur der Hintergrund, vor dem sich die eigentliche Aussage der Skulptur abhebt. Sie wird spürbar im Angesicht der Muttergottes, deren Kopf die Spitze der pyramidalen Komposition bildet. Auf rätselhafte, vielschichtigste Weise vereinen sich im Antlitz Mariens Trauer, Ergebung, Weisheit und eine unendliche Milde. Der Tod Jesu ist in den Armen seiner Mutter zu dem Gnadenakt geworden, als der er im Neuen Testament geschildert ist: Der Tod des Gottessohnes erlöst die Menschen; das Heil aller ruht auf dem Felsen von Golgatha, der sich schroff unter den reichen Gewandfalten Mariens abzeichnet. Michelangelos Pietà setzt natürlich die Kenntnis der Heilsgeschichte voraus, doch ihre Darstellung der trauernden Maria berührt Menschen völlig unabhängig von ihrer Konfession. Diese Pietà ist eines jener seltenen Kunstwerke, die nicht anders können, als ihren Betrachter als bessere Menschen zurückzulassen.
Die Philosophin Simone Weil gab einem ihrer Bücher den Titel ‚Schwerkraft und Gnade‘ und sah in diesem Gegensatzpaar beispielhaft unterschieden zwischen dem physikalisch Selbstverständlichen und dem, was wir nur von Gott erhoffen können. Michelangelos Pietà hat diesen Kern des christlichen Glaubens in einem einzigen Marmorblock zum Sprechen gebracht: Die Gnade Gottes ist stärker als die Zwangsläufigkeiten des Irdischen und der menschlichen Natur. Und so scheint die rechte Hand Christi mit ihren wie zufällig geteilten Fingern noch im Tod den Betrachter zu segnen. Aber auch das ist eine Frage des Glaubens.
-aldus



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