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Hätte es nicht die Kleine Meerjungfrau, Kopenhagen wäre vielleicht weltmännischer und urbaner. Aber sicher nicht schöner.

S

ie dürfte das kleinste Wahrzeichen der Welt sein. Wo andere Städte sich mit Opernhäusern, waghalsigen Türmen und prunkvollen Plätzen präsentieren, steht für die Hauptstadt Dänemarks nur eine kleine, nicht einmal anderthalb Meter hohe Skulptur. Und doch ist der Ruhm der Kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen inzwischen größer als der so mancher vielgeschossiger Hochhäuser.

kleine-meerjungfrau-kopenhagen Die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen ist das Werk des Bildhauers Edvard Eriksen, die Figur stammt aus dem Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen von 1837, das sich seinerseits an mittelalterliche Sagen um die Gestalt Undine anlehnt. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine märchentrunkene Zeit: Die Gebrüder Grimm sammelten ihre ‚Kinder- und Hausmärchen‘, Clemens Brentano und Achim von Arnim füllten ‚Des Knaben Wunderhorn‘, und auch andere Dichter und Philologen schauten wehmütig auf die Welt des Mittelalters und das, was aus ihrem Sagenschatz noch in schriftlicher und mündlicher Überlieferung aufzufinden war.

Mit seiner Kleinen Meerjungfrau schuf Hans Christian Andersen eine Figur, die kaum verhüllt die Sehnsüchte dieser Zeit verkörperte: Als jüngste Tochter des Meerkönigs lebt sie unter den Wellen und hört als Kind immer wieder ihre Großmutter von den Schönheiten der Oberflächenwelt erzählen. Ihre Sehnsucht nach dieser Welt wird so groß, dass sie emporsteigt und Menschen auf einem Schiff beobachtet. Als dieses Schiff sinkt, bringt sie einen Prinzen, in dessen dunkle Augen sie sich verliebt hat, an den rettenden Strand. Von einer Meerhexe lässt sie sich einen Trunk brauen, der ihr Beine verleiht, doch sie muss die Liebe des Prinzen gewinnen, um in der Oberflächenwelt bestehen zu können. Der Prinz jedoch heiratet die Prinzessin des Nachbarreiches, und die Kleine Meerjungfrau verwandelt sich in einen Luftgeist.

Wie die ins Mittelalter vernarrten Märchenromantiker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Kleine Meerjungfrau also auf tragische Weise zwischen den Welten zu Hause: Die Banalitäten der gegebenen Welt langweilen sie, in der ersehnten anderen Welt kann sie nicht Fuß fassen. Als Luftgeist, ohne Macht und Einfluss, schwebt sie auf ewig zwischen beiden.

Die Skulptur der Kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen verkörpert das Wesen der Kunstfigur Andersens auf vollkommene Weise: Bedächtig kauert sie auf ihrem Stein, der nicht recht zum Ufer gehört, nicht recht zum Meer, den Blick sehnsüchtig auf die Hafeneinfahrt gerichtet — als könne jeden Augenblick ein Schiff ihren geliebten Prinzen zurückbringen. Ihre Haltung verrät jedoch, dass sie die Hoffnung schon lange aufgegeben hat, nicht angespannt und erwartungsvoll, sondern halb zusammengesunken und von nachdenklichem Ernst erfüllt sitzt sie auf ihrem verlorenen Posten.

Im Hamburger oder Londoner Hafen würde die Kleine Meerjungfrau in der hektischen Betriebsamkeit untergehen, doch die ruhige Atmosphäre Kopenhagens lässt sie ihren gedankenvollen, anmutigen Reiz entfalten. Schließlich hat sich auch Dänemark sein Zuhause zwischen den Welten eingerichtet: unabhängig vom mächtigen Nachbarn Deutschland im Süden, aber auch den großen skandinavischen Ländern nicht recht zugehörig. Und so steht die Kleine Meerjungfrau Kopenhagen gut zu Gesicht: klein, aber nicht unscheinbar, anmutig, aber nicht herrisch prunkend, ein betontes Zwischen inmitten lauter selbsternannter Zentren. Und dabei phänomenal populär. Große Männer auf großen Plätzen, die Wege weisen, Kontinente entdecken und Königreiche führen, respektiert man. Aber eine kleine Frau, die seit nunmehr 100 Jahren nicht weiß, wo sie hingehört, keine Achtung fordert und nichts anderes behauptet, als dass die Schönheit der Welt größer ist als der eigene Tod — die liebt man.

-aldus



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