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aldus-Die Schönheit des Fragments. Der Torso von Belvedere lehrt, dass Unvollständigkeit auch eine Form der Perfektion sein kann.

K

aum eine der aus dem klassischen Altertum überlieferten Statuen kann es trotz zum Teil staunenswerter Makellosigkeit und Unversehrtheit in ihrer Wirkung mit dem Torso von Belvedere aufnehmen. Als er Anfang des 15. Jahrhunderts erstmals erwähnt wurde, war von einer umfassenden Wertschätzung der Statue oder besser, des Restes dieser Statue, allerdings noch keine Rede, zu stark war wohl ihre Verstümmelung: Dem Sitzenden fehlen der Kopf, beide Arme und Schultern sowie die Beine unterhalb der Knie. Erst spätere Generationen erkannten das Genie des Künstlers, das noch in dieser grotesken Reduktionsstufe seines Werks offenbar wird. Es handelt sich bei dem Torso wahrscheinlich um eine römische Kopie des ersten vorchristlichen Jahrhunderts nach einem hellenistischen Original, möglicherweise aus Bronze, des zweiten Jahrhunderts. Eine Inschrift auf dem Sockel verkündet: „Apollonios, Sohn des Nestor, aus Athen, hat es gemacht.“ Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts gelangte der Torso — veranlasst wahrscheinlich durch Papst Paul III. — in die Skulpturensammlung des Belvedere, einem achteckigen Hof im vatikanischen Palast. Über hundert Jahre dauerte es also, bis der Torso in die berühmte Sammlung des Vatikans aufgenommen wurde, eine Ehre, die der Laokoon-Gruppe bereits nach zwei Monaten zuteil wurde.

torso-von-belvedere Dafür kannte die Begeisterung bald keine Grenzen mehr. Der Begründer von Archäologie und Kunstgeschichte, Johann Joachim Winckelmann (1717—1768), widmete dem Torso von Belvedere eine ganze Abhandlung, in der er Detail für Detail in höchster Emphase lobte. Die muskulöse Körperoberfläche wirkte auf ihn wie ein Meer aus „spielenden Wellen“, den Rücken verglich er mit einer „von der Höhe der Berge entdeckten Landschaft“, insgesamt rechnete er den Torso als „das vollkommenste in seiner Art unter die höchsten Hervorbringungen der Kunst“. Der Maler Anton Raphael Mengs (1728—1779) empfand, der Torso von Belvedere vereine durch seine Offenheit die Schönheit gleich aller anderen Statuen in sich — „Ein unfassbarer Wurf!“, Friedrich Schiller nannte die Statue schlicht einen „Triumph“. Im vergangenen Jahrhundert inspirierte sie Rainer Maria Rilke zu seinem Loblied ‚Archaischer Torso Apollos‘, das die Irrationalität der Verehrung auf eine neue Stufe hob: „denn da ist keine Stelle / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Dabei ist es offensichtlich: Hätte man den Torso unversehrt aus der römischen Erde geborgen — er wäre heute eine Statue unter vielen. Doch gerade das an ihm Fehlende gibt dem Torso von Belvedere den größten Teil seines heutigen Werts. Der Legende nach erteilte Papst Julius II. Michelangelo Buonarotti die Anweisung, die abgeschlagenen Teile zu ergänzen, worauf dieser geantwortet haben soll, die Statue sei zu vollkommen, als dass ihr etwas hinzugefügt werden dürfe. So blieb der Torso von Belvedere eine der wenigen antiken Statuen in Rom, die nicht vervollständigt wurden.

torso-von-belvedere-2 Natürlich stellte man sich von Anfang an die Frage, wen der Torso wohl ursprünglich dargestellt haben könnte. Aufgrund des muskulösen Baus des Körpers und wegen des Raubtierfells auf dem Sockel, in dem man das eines Löwen zu erkennen glaubte, hielt man die Statue lange Zeit für ein Abbild des sagenhaft starken Herkules, der einst den mächtigen Nemëischen Löwen mit bloßen Händen erwürgte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erkannte Carl Hasse, dass es sich bei dem Fell um das eines Panthers, nicht eines Löwen handelt. Seitdem gehen die Deutungen weit auseinander. Mal sieht eine Analyse den Zyklopen Polyphem, mal den Satyr Marsyas oder den Krieger Philoktet. Zuletzt identifizierte Raimund Wünsche den Torso mit Ajax, einem der griechischen Helden im trojanischen Krieg, kurz vor dessen Selbstmord. Die Gegensätzlichkeit der Interpretationen könnte also extremer nicht sein, vom kraftstrotzenden Herkules bis hin zum nach einer Schmähung durch die Götter höchst deprimierten Ajax — und man gerät ins Staunen in Anbetracht einer ästhetischen Größe, die derart unterschiedliche Sichtweise mit Leichtigkeit in ihrer Faszinationskraft vereint.

Michelangelo nahm den Torso von Belvedere in seiner Ausmalung der Sixtinischen Kapelle zum Vorbild für die Darstellung des Apostels Bartholomäus, dem der Legende nach die Haut vom lebendigen Leibe abgezogen wurde. So groß war die Verehrung Michelangelos für den Torso von Belvedere, dass er sein Selbstporträt in die Darstellung einbrachte. Jedoch nicht im Gesicht der dem Torso nachgebildeten Apostelfigur — sondern in der schlaffen Haut in dessen Faust. Eindringlicher hat wohl kein späterer Künstler die empfundene Überlegenheit der Antike zum Ausdruck gebracht.

-aldus



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