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aldus- Diese Statue ist wohl der einzige Fall, in dem ein Sieger dem Besiegten zur Unsterblichkeit verhalf. Attalos I. kennt heute niemand mehr. Aber das wortlose Heldentum des sterbenden Galliers bewundern bis zum heutigen Tag jährlich Hunderttausende.

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as Wirkungsvollste an dieser Statue ist wahrscheinlich, dass sie scheinbar überhaupt nicht auf Wirkung aus ist. Halb hingestreckt stützt sich der sterbende Gallier noch auf seine rechte Hand, um ihn verstreut seine Waffen, das Gesicht gesenkt, als wolle er es vor dem Betrachter verbergen. Kein Pathos ist hier inszeniert, keine Verherrlichung, nicht einmal die Wunde in der rechten Brust ist besonders beeindruckend ausgeführt, sie wird durch einen kurzen waagrechten Strich mehr angedeutet als sichtbar gemacht. Gezeigt werden soll hier nichts als ein letzter Augenblick der Besinnung vor dem Tod.

Der sterbende Gallier ist wohl eine römische Kopie des ersten vorchristlichen Jahrhunderts nach einem hellenistischen Bronze-Original aus der Zeit um 225 vor Christus. Die Vorlage entstand wahrscheinlich im Auftrag des Pergamenerkönigs Attalos I. nach dessen Sieg über die Kelten (griechisch Galatoi, lateinisch Galli) in Anatolien. Das Siegesdenkmal, aufgestellt vor dem Athenatempel der Burg von Pergamon, umfasste neben der überlieferten Figur möglicherweise noch einige weitere Besiegte. Die Kopie des sterbenden Galliers ist seit dem 17. Jahrhundert in Rom nachgewiesen, wo sie heute in den Kapitolinischen Museen gezeigt wird.

sterbender-gallier Bemerkenswert ist an der Darstellung des Unterlegenen neben der zurückgenommenen Ausdruckskraft vor allem der sorgfältige, beinahe schon liebevolle Realismus: Der Krieger ist muskulös, allerdings ohne Übertreibung, er trägt den Bart der keltischen Oberschicht, struppige Haartracht (die Kelten waren bekannt dafür, eine kalkhaltige Salbe in ihr Haar zu streichen) und den typischen gedrehten Halsreif (Torques). Auch die Nacktheit des Gefallenen dient nicht der dramatischen Überhöhung, sondern ist in verschiedenen historischen Quellen für keltische Krieger belegt. Der Gesichtsausdruck ist ernst, aber nicht pathetisch, die leichte Beugung des rechten Arms macht das Gewicht fast körperlich spürbar, das den tödlich Verwundeten zu Boden drückt. Alles an dieser Statue spricht von einer Aufrichtigkeit und Einfachheit, wie sie im Angesicht des Todes allein angemessen scheint.

Die Nachwirkung der Statue ist unüberschaubar. Zahllose Kopien des sterbenden Galliers (auch verwundeter / sterbender Gladiator oder Trompeter genannt — zu seinen Füßen liegt ein gebogenes keltisches Horn) wurden angefertigt und sind heute beinahe auf jedem Kontinent anzutreffen, im 19. Jahrhundert war die Figur derart populär, dass man sich nicht scheute, den Besiegten durch die Verwendung als Briefbeschwerer ein weiteres Mal zu demütigen. Schaffende aller Genres wurden von der Statue des sterbenden Galliers inspiriert, von den Philosophen der Aufklärung über Lord Byrons Versepos ‚Childe Harold’s Pilgrimage’ („er gibt sich dem Tod geschlagen, doch besiegt den Schmerz“) bis hin zum sterbenden Replikanten Roy Batty in Ridley Scotts ‚Blade Runner’ (1982).

Natürlich wollte Attalos I. nicht den unterlegenen Galliern huldigen, sondern sich selbst über die Würdigkeit der von ihm Besiegten ehren. Sein Denkmal, das nicht den Sieger allein oder ihn gemeinsam mit dem Besiegten darstellt, sondern ausschließlich den Unterlegenen, ist das erste dieser Art, und es spricht uns bis heute in seiner Größe an, mit der es noch dem in den Staub Getretenen seine Achtung erweist. Hätte dieses Denkmal mit seiner respektvollen Botschaft nicht am Ende, sondern am Anfang der Schlacht gestanden — die Schlacht hätte vielleicht nie stattgefunden.

-aldus



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