barberinischer-faun-thumb

aldus- Verhüllt, verbannt, verboten: Generationen von Betrachtern nahmen Anstoß an der Statue des Barberinischen Fauns. Dabei ist er in erster Linie nur eines: faszinierend entspannt.

U

nser Bild von der Kunst des klassischen Altertums bestimmen Skulpturen wie die Venus von Milo, züchtig ihre Scham verhüllend, Statuen heldenmütiger Krieger, Büsten bärtiger Philosophen mit klangvollen Namen, in deren ehrwürdigen Gesichtern Jahrzehnte tiefen Nachsinnens ihre Spuren hinterlassen haben. Doch die Größe der antiken Kunst macht aus, dass sie die Gesamtheit des menschlichen Wesens in all seinen Facetten zum Thema gemacht hat. Kaum eines der überlieferten Werke führt das so unmissverständlich vor Augen wie der Barberinische Faun. Diese Skulptur, auch Barberinischer Satyr genannt, wurde 1494 in Rom bei der Engelsburg gefunden, es handelt sich jedoch wahrscheinlich nicht um eine der häufigen römischen Kopien griechischer Werke, sondern um ein hellenistisches Original aus der Zeit um 220 vor Christi Geburt. Sie zeigt einen schlafenden Faun oder Satyr, eine ungezügelte Gestalt aus dem Gefolge des Weingottes Dionysos, erkennbar unter anderem an den spitzen Ohren und dem Efeukranz im Haar. Im Auftrag des Kardinals Maffeo Barberini restaurierte der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598—1680) die Skulptur und ergänzte einige Teile, die bis auf das rechte Bein heute sämtlich wieder entfernt sind. 1810 kaufte Ludwig I., König von Bayern, die Skulptur und ließ sie seit 1830 in der Münchner Glyptothek ausstellen, wo sie bis heute eines der wichtigsten und beliebtesten Exponate ist.

barberinischer-faun Es wird oft unterstellt, erst die Überarbeitung Berninis hätte die starke sexuelle Aufladung hinzugefügt, doch überdeutliche geschlechtliche Konnotationen sind ganz allgemein schon bei den Faunen und Satyrn der römisch-griechischen Mythologie typisch. Man geht jedoch fehl, die Statue allein auf ihre selbstbewusste Sexualität zu reduzieren, die zwar offensichtlich ist und den Barberinischen Faun etwa zu einer Pilgerstätte homosexueller Kunstbegeisterter gemacht hat, das Werk aber unnötig vereinfacht. Denn das unbekümmerte Zurschaustellen des Geschlechts ist nur ein Aspekt der bestimmenden Eigenschaft, aus der sich die bleibende Faszinationskraft des Barberinischen Fauns erklären lässt: seine unglaubliche Gelassenheit. In einer sagenhaften Unbekümmertheit fläzt sich der Faun auf einem Pantherfell, sein Körper sucht nicht Geborgenheit, sondern öffnet sich aufreizend in alle Richtungen. Diese Statue kann nicht anders als in der Mitte eines Raums aufgestellt werden, und so wird die plakative Sorglosigkeit des Fauns noch offensichtlicher: Dieses Wesen hat nichts in der Welt zu fürchten und — jedenfalls im Augenblick — nichts zu wünschen.

Unzählige Betrachter vor allem früherer Zeiten wurden von der „unflätigen Haltung“ des Barberinischen Fauns abgestoßen, monierten seine „Unzüchtigkeit“ — als würden für Naturwesen wie Faune und Satyrn Regeln von Anstand und Sitte gelten. Auch in griechisch-römischer Zeit räkelte sich ein angesehener Mann nicht öffentlich nackt auf einem Pantherfell. Doch man scheute nicht davor zurück, sich die natürliche Verfasstheit des Menschen vor der Einengung durch soziale Regelwerke zumindest im Bild zu vergegenwärtigen. Und letztlich stellt der Barberinische Faun bei aller vordergründigen Körperlichkeit nichts anderes als ein Ideal vor: das der völligen Bedürfnislosigkeit. Kaum einer der späteren christlichen Mönche wird dieses Ideal durch noch so fleißige Willensabtötung je so umfassend erreicht haben wie der Barberinische Faun.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare  

 
+3 #1 2010-08-08 17:31
...als ich das erste mal mit 18 jahren den Faun in München sah,konnte ich mich der Faszination nicht entziehen,ich hatte angst dass man mir es ansah,ich hörte förmlich das leise atmen,das senken und heben des brustkorbs,so lebensecht hat der damalige meister den enstspannten schlaf dargestellt,wel ch Meisterwerk der Bildhauerei!und ich muss gestehen,eine sexuelle faszination entging auch mir nicht denn auch ich bin den männern zugetan...und ich denke vielen frauen geht es nicht anders...

danke für die treffenden worte!
Zitieren
 

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar