apollo-von-belvedere-thumb

Aus dem Alltag eines Gottes. Der Apollo von Belvedere und die Kraft heiterer Gelassenheit.

K

aum ein zweites Werk der Antike hat eine solche Wirkung auf neuzeitliche Künstler ausgeübt wie der Apollo von Belvedere (auch Apoll oder Apollon von Belvedere, nach seinem ehemaligen Aufstellungsort im Statuenhof des vatikanischen Belvedere). Seit seiner Wiederentdeckung Ende des 15. Jahrhunderts hat die römische Kopie eines griechischen Bronze-Originals ungezählte Meister der Skulptur und Malerei zu eigenen Werken angeregt, unter ihnen Größen wie Albrecht Dürer, Michelangelo und Antonio Canova. Goethe zeigte sich „erschüttert“, Johann Joachim Winckelmann war die Statute „das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums“. Wie konnte der Apollo von Belvedere über Jahrhunderte den Rang eines Maßstabs ästhetischer Perfektion innehaben?

apollo-von-belvedere Die Statue zeigt Apollo, den griechisch-römischen Gott des Lichts und der Künste, der gerade den todbringenden Pfeil auf das Ungeheuer Python abgeschossen hat. Doch diese Tatsache und das mit ihr verbundene Sagenfragment tritt völlig in den Hintergrund gegenüber der Ausstrahlung, die ganz allein Haltung und Körperbau des Apollo von Belvedere auch heute noch auf den Betrachter ausüben. Der erste und bleibendste Eindruck ist der eines auf wunderbare Weise lebendigen Gleichgewichts, das sich nicht nur auf das leichte Ausschreiten und die zu beiden Seiten sich öffnenden Arme der Figur erstreckt, sondern ebenso auch Geist und Wesen des Gottes mit einzubeziehen scheint. Eine heitere Offenheit bei nichtsdestotrotz fester Bestimmtheit liegt in den Zügen Apollos, sein Wirken auf die Umgebung — der Kampf gegen das Ungeheuer hat nichts Dramatisches an sich — billigt gleichzeitig doch auch der Umgebung eine Wirkung auf sich zu. Im Apollo von Belvedere ist auf idealtypische Weise ein Individuum dargestellt, das Geltung beansprucht und dabei auch gelten lässt.

Die berühmte Goldene Mitte ist unserer in Extreme verliebten Zeit völlig abhanden gekommen, doch der Antike war sie ein zentrales Ideal — und im Apollo von Belvedere hat sie ihr ein bleibendes Denkmal gesetzt. Unendlich viel lässt sich von dieser Skulptur lernen: Wie alle Ruhe sich von Bewegung herleitet und alle Bewegung von der Ruhe, wie Autorität untrennbar mit Offenheit verbunden ist, wie jedes Individuum erst in der vermittelnden Auseinandersetzung mit anderen Individuen zu seinem wahren Selbst findet. Und wie all das schließlich in ein Leben münden könnte, das tätiges Schaffen untrennbar mit innerer Reifung einhergehen lässt. Das Ideal des Apollo von Belvedere ist natürlich genau das: ein Ideal. Doch man muss kein Gott sein, um im Alltag der gemäßigten westlichen Zivilisation ein wenig von der Ruhe und Heiterkeit zu verbreiten, mit der Apollo ein wütendes Ungeheuer besiegte.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar