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Andere Statuen sitzen hoch zu Ross, recken Marschallstäbe oder weisen Königreichen den Weg. Das Manneken Pis macht einfach nur seinem Namen alle Ehre — und damit jedes Jahr unzähligen Besuchern eine Freude.

B

ildungsbeflissene erheben beim Anblick überfüllter Museen gern den Vorwurf, die Massen pilgerten zu Kunstwerken, die sie gar nicht verstehen. Aber kein noch so elitär denkender Kunstberufener würde diesen Vorwurf allen Ernstes beim Anblick des dichten Volks erheben, das sich beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit in Brüssel vor dem Manneken Pis schart. Ein Werk des Bildhauers Hieronimus Duquesnoy erledigt das Manneken Pis (das erste Wort ist Brabantisch für „kleiner Mann“, das zweite bedarf wohl keiner Erläuterung) seit 1619 an der Ecke Rue de l‘Etuve und Rue du Chêne die notwendigste Verrichtung von allen.

manneken-pis Ansprechend, um nicht zu sagen: faszinierend ist dabei vor allem die heitere Selbstverständlichkeit, mit der das Manneken Pis seine Aufgabe als Brunnenfigur versieht: Den Rücken gerade, locker in den Knien, eine Hand keck in der Hüfte, die andere dort, wo sie hingehört — und vor allem ein wunderbar entspannter Gesichtsausdruck. So einfach kann es manchmal sein, das genau Richtige zu tun. Nichts von „Notdurft“, Verschämtheit, schmuddeligen öffentlichen Toiletten oder heimlichem „Austreten“ in einer dunklen Ecke — schon gar nichts von Sitzendpinkeln. Beinahe lässt das Manneken Pis an eine Art paradiesischen Urzustand denken, wie es zu jeder Jahreszeit seinen begeisterten Besuchern und deren Kameras frank und frei sein Manneken präsentiert.

Fast so alt wie das Manneken Pis ist der Brauch, den kleinen Mann zu jeder möglichen Gelegenheit in ständig wechselnde Kostüme zu stecken. Doch so possierlich er darin auch wirken kann, seinen eigentlichen Reiz entfaltet er unbekleidet. Nur dieser „unanständige“ Aufzug, dessentwegen Nachbildungen mehr als einmal von empörten Anwohnern zur Anzeige gebracht wurden, transportiert auf angemessene Weise den anarchischen Geist des Manneken Pis — das sich über die braven und anständigen Bürger mit ihren ach so wichtigen Anliegen und Ämtern lustig zu machen scheint. Und eine heimliche Mitwisserschaft funkelt in seinen Augen: „Ich weiß, ihr würdet auch gerne, traut euch aber nicht. Selbst schuld!“

-aldus



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