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Das Gewicht der Liebe. In Antonio Canovas ‚Amor und Psyche‘ hört Marmor auf, Stein zu sein.

D

ass Liebe stärker sei als der Tod ist ein typisches Märchenmotiv — und sein wahrscheinlich ältestes Auftreten in der Kulturgeschichte des Abendlandes dürfte in der griechisch-römischen Sage von Amor und Psyche zu finden sein. Um Liebe allen äußeren Umständen zum Trotz geht es in dieser Geschichte, den Zorn der Götter, bestandene Prüfungen und ein gebrochenes Versprechen, das schließlich zu einem todesähnlichen Schlaf der Königstochter Psyche führt. Doch ihr Geliebter, der Gott Amor, rettet sie, die beiden heiraten und erwirken von Jupiter die Unsterblichkeit Psyches.

canova-amor-und-psyche Antonio Canovas Skulptur hält den Augenblick fest, in dem Amor die Geliebte mit einigen Schlägen seiner Flügel von der verderblichen Wirkung einer todbringenden Salbe befreit. Die meisten Arbeiten, die sich mit dem Liebespaar beschäftigen, zeigen die beiden in der Luft, getragen von den Schwingen Amors, doch Canovas ‚Amor und Psyche‘ geht einen anderen Weg, es zeigt den Aufbruch in die Schwerelosigkeit in der Überwindung des Todes. Ein vertikales Moment trifft hier auf ein horizontales, die eben noch todesähnlich hingestreckte Psyche wird in Amors Umarmung aufgerichtet und emporgezogen — streng formal betrachtet ergibt sich aus dem Bild der Körper ein X mit dem Doppelkreis der Arme in seiner Mitte. Mit unglaublicher Raffinesse setzt Canova dabei die Körper Amors und Psyches zueinander in Beziehung: Sind die Beine Psyches noch die einer Ruhenden, wird ihr Oberkörper doch zum Geliebten hingezogen, ihr höchster Punkt sind dabei, von den Armen abgesehen, ihre Lippen, die sich Amor zum Kuss nähern. Derselbe imaginäre Punkt zwischen den Gesichtern, der Psyche emporzuziehen scheint, bildet auch das Zentrum der Figur Amors — sein ganzes Bemühen um die Geliebte, auch das Schlagen der dramatisch emporgereckten Flügel findet hier seinen Ruhepol.

Die Liebe, das wird aus Antonio Canovas ‚Amor und Psyche‘ auf den ersten Blick klar, ist es, die Psyche vom Tod erweckt und die das ganze Streben und Bemühen Amors ausmacht. Dass sie stärker als der Tod ist, wird in dieser Skulptur mit einer bewundernswerten Leichtigkeit geradezu nebenbei verdeutlicht. In Canovas ‚Amor und Psyche‘ wird keine Moribunde dem grimmigen Sensemann entrissen, hier geht es nicht um einen Kampf mit Siegern und Besiegten. Die Unterlegenheit des Todes, besiegelt noch durch die Psyche später von Jupiter verliehene Unsterblichkeit, ist in Canovas Arbeit eine Tatsache von märchenhafter Selbstverständlichkeit. Und was, wenn nicht wunderbare Lügen wie diese, wären uns Märchen und Kunst schuldig?

-aldus



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