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aldus- Ein prachtvoller Eklat, sorgfältig in Szene gesetzt: Gian Lorenzo Berninis Verzückung der Heiligen Theresa spricht von der höchsten Lust — und gibt sich verwundert, dass alle nur ans eine denken.

S

chon bei ihrer Enthüllung sorgte Gian Lorenzo Berninis marmorne Statuengruppe von der Verzückung der Heiligen Theresa für Aufsehen: Viel zu irdisch-fleischlich kamen dem Publikum die Freuden der Heiligen vor, als dass man sie dem sakralen Umfeld für angemessen gehalten hätte. Dabei legt schon die Vorlage, eine autobiographische Schilderung der spanischen Mystikerin Theresa von Avila (1515—1582), durchaus mehr als eine Deutungsebene nahe: In einer Vision erschien Theresa die Gestalt eines Engels mit einem goldenen bernini-verzckung-der-heiligen-theresa Pfeil in der Hand, den er ihr mehrfach tief ins Herz stieß. „Der Schmerz war so stark, dass ich klagend aufseufzte. Doch zugleich empfand ich eine so unendliche Süße, dass ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte.“ Die Heilige muss sich der Doppelbödigkeit ihrer Schilderung bewusst gewesen sein, widerruft sie doch direkt im Anschluss: „Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, obwohl er bis zu einem gewissen Grad auch auf den Körper wirkte; süßeste Liebkosung, die der Seele von Gott zuteil werden kann.“

Berninis Statuengruppe, entstanden zwischen 1645 und 1652 im Auftrag des Kardinals Federico Cornaro und heute in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom, hält nun wie schon Theresas Schilderung selbst beide Interpretationsmöglichkeiten offen: Die Heilige liegt hingestreckt auf einer Wolke, ihr Kopf fällt halb zurück und zur Seite, sich vom Engel mit dem Pfeil über ihr abwendend. Ihr wie zu einem Seufzer leicht geöffneter Mund vor allem ist es, der an einen eher körperlichen Ursprung ihrer Lust denken lässt, das komplizenhafte Lächeln des Engels oder fast schon: sein anzügliches Grinsen macht die Sache nicht besser. Überhaupt ist es erstaunlich, eine wie durch und durch irdische Umsetzung Bernini für die Unio mystica der Heiligen Theresa mit Gott gewählt hat: Die Gruppe ist wie auf einer Bühne leicht erhöht an der Stirnseite der Cornaro-Kapelle angeordnet. Als solle die Theatralik der Szene zusätzlich betont werden, schauen an den Seitenwänden acht Angehörige der Stifterfamilie aus Öffnungen in den Wänden zu, die geradewegs als Theaterlogen gestaltet sind. Bernini, der auch als Bühnenbildner arbeitete, betreibt barocken Illusionismus in seiner sinnenfreudigsten Form.

bernini-verzckung-der-heiligen-theresa-2 Auf der anderen Seite geht sicher zu weit, wer Bernini hier wie Jacques Lacan („sie kommt gerade, kein Zweifel“) die plakative Darstellung einer Frau auf einem alles andere als religiösen Höhepunkt unterstellt. Denn Bernini, der dem Jesuitenorden nahestand und sich an ignatianischen Exerzitien beteiligte, betont auf der anderen Seite sehr wohl die mystische Entrücktheit der Szene: Durch die geschickte Inszenierung scheint die Gruppe auf ihrer Wolke im unendlichen Raum zu schweben, ein Fuß der Heiligen ragt ins Leere, ihre linke Hand fasst nichts, durch den dramatischen Faltenwurf ihres Gewands wird die Körperlichkeit ihres Leibes fast völlig aufgelöst. Die geschickte Einbeziehung eines rückwärtigen hochliegenden Fensters erhellt das Geschehen auf geradezu übernatürliche Weise, die dramatischen goldenen Strahlenbündel im Hintergrund übergießen die Heilige, als könne sie sich jeden Augenblick in nichts als Licht auflösen. So gibt es kaum Anlass, am tiefen religiösen Ernst des Dargestellten zu zweifeln. Wenn da nicht dieses wissende Lächeln des Engels wäre …

-aldus



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