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aldus- Wer auf verlorenem Posten steht, sollte sich schleunigst bewegen. Gian Lorenzo Berninis David zeigt den Stoff, aus dem Siege gemacht werden.

E

r ist der kleine Bruder, im wahrsten Sinne des Wortes. Gian Lorenzo Berninis David ist ein berühmtes Kunstwerk, doch steht er ganz klar im Schatten der mit Abstand bekanntesten Statue überhaupt, dem David Michelangelos. Und das nicht nur hinsichtlich der Präsenz in Kunstbildbänden und auf Kaffeetassen — Michelangelos Skulptur ragt mit Sockel ganze fünfeinhalb Meter in die Höhe, Berninis David bringt es gerade einmal auf 170 Zentimeter. Und diese Lebensnähe ist Programm. Anders als Michelangelo und auch anderen berühmten Vorgängern in diesem Sujet wie Verrocchio oder Donatello liegt Bernini jeder Heroismus fern. Sein David geht bewusst zurück auf die Realitäten der alttestamentarischen Geschichte. Das Erste Buch Samuel erzählt nämlich nicht von einem mächtigen Krieger, sondern von einem jungen Hirten, der allen Erwartungen zum Trotz den als unbesiegbar geltenden Riesen Goliath mit einer Steinschleuder besiegt. Folgerichtig zeigt Berninis David nicht einen aufragenden Giganten, der in fast spöttischer Gelassenheit den Gegner fixiert (Michelangelo), oder betont entspannt mit dem abgeschlagenen Haupt des Besiegten posiert (Verrocchio und Donatello), sondern einen Jüngling, der um die eigene Unterlegenheit weiß — aber sie nicht anerkennen will.

bernini-david Berninis David ist völlig durchdrungen von der Spannung zwischen der zugewiesenen Rolle des Unterlegenen und dem angestrebten Sieg. Aggressiv duckt er sich, hochkonzentriert sind die Augenbrauen zusammengezogen, verkniffen beißt er sich gar auf die Unterlippe, während sein Körper in ausgreifender Gebärde den entscheidenden Steinwurf vorwegnimmt. Präsentierten sich die Statuen der frühen Renaissance dem Betrachter noch strikt frontal, so gibt es bei Berninis David kein rechtes Vorne und Hinten. Er beansprucht die gesamte Umgebung, zieht alles um sich herum in den Sog seiner Bewegung. Auf unnachahmliche Weise hat Bernini hier dem leblosen Stein Dynamik eingehaucht — der Betrachter hat den Eindruck, als könne die Statue allein aus der Kraft ihrer Formgebung heraus jeden Augenblick den Stein fortschleudern.

Wenn Bernini mit seinem David auch die festen Strukturen der alten (kirchen)aristokratischen Welt bediente — die Statue entstand 1623/24 für Kardinal Scipione Borghese —, so weist das Werk doch voraus in eine Epoche, in der die althergebrachten Pfründe des Adels ihre Selbstverständlichkeit verloren, ein Zeitalter, in dem das Bürgertum mit Eifer und Erfindungsreichtum die Giganten des Feudalismus herausforderte. In dem stolzes Posieren allein oft nicht mehr genügte und ein verkniffenes Gesicht manchmal weiter brachte als ein huldvolles Lächeln.

-aldus



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