Katana

aldus- Feuer, Wasser, Erde und Luft wirken zusammen, um aus rohem Stahl ein Kunstwerk zu schaffen: das japanische Samuraischwert. Seit über 1000 Jahren wird es nach denselben Methoden geschmiedet — und die Tradition ist so lebendig wie kaum je zuvor.

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as ist ein Schwert schon anderes als eine Waffe, ein roher Gebrauchsgegenstand — und noch dazu ein völlig veralteter? Für einen Europäer ist es nur sehr schwer nachzuvollziehen, welche Verehrung bis zum heutigen Tag in Japan dem Schwert des Samurais in seiner formvollendeten Ausführung entgegengebracht wird. Zwar gibt es auch in unseren Breiten Sammler alter und kunstvoller Klingen, doch wird die kulturelle Kluft spätestens dann unübersehbar, wenn man sich vor Augen hält, dass einzelne Exemplare des Samuraischwerts in der japanischen Shinto-Religion geradewegs als Gottheit (Kami) in eigenen Schreinen verehrt werden. Wiederum zahllose meisterhafte Klingen werden als Meito bezeichnet, als „Schwert mit einem Namen“, so etwa Nami Oyogi Kanemitsu, wörtlich übersetzt „Der schwimmende Kanemitsu“: Angeblich durchschwamm ein Mann namens Kanemitsu, der von dieser überaus scharfen Klinge getroffen wurde, noch einen Fluss, ehe er in zwei Teile zerfiel. Großen Schwertern — seit dem neunten Jahrhundert werden in Japan Klingen auf kunstvolle Art geschmiedet — wurde in vergangenen Zeiten ein Eigenleben zugesprochen, sie galten als geradezu selbständige Persönlichkeiten. Man ging davon aus, dass die Geister seiner früheren Besitzer in ihm wohnen, der jeweilige Eigentümer nur Hüter der Klinge ist, die ihm zur sicheren Aufbewahrung übergeben wurde. Farbenprächtig ausgeschmückte Sagen berichten von Schwertern, die ihren bewusstlosen Herrn gegen seine Feinde verteidigen, oder aber sich weigerten, einen tugendhaften Helden zu töten.

Katana1 So verwundert es nicht, dass auch die Herstellung dieser Schwerter das Ansehen einer geheimnisvollen Kunst erlangte, Details des Handwerks von jedem Schmied eifersüchtig geheimgehalten und Übertritte scharf geahndet wurden: Eine alte Geschichte erzählt von einem Schmied, dem zur Strafe der Finger abgehackt wurde, mit dem er bei einem Konkurrenten die Temperatur des Wassers im Abschreckbecken ertasten wollte. Bis zum heutigen Tag werden in Japan auf die traditionelle Art Schwerter geschmiedet — und nach wie vor lautet das Ziel: Die Seele des Stahls zum Vorschein zu bringen. Selbstverständlich werden heutige Klingen nicht mehr als Waffe eingesetzt, trotzdem gelten noch immer die gleichen Ansprüche an sie: Vor allem muss ein Schwert über elastische Widerstandsfähigkeit verfügen und doch gleichzeitig auch über genügend Härte für eine möglichst große Schärfe — zwei Eigenschaften, die sich im Grunde genommen ausschließen. Doch durch verschiedene Kunstgriffe wird genau das ermöglicht: Eine Klinge, die nachgiebig genug ist, auch wuchtigste Schläge ohne Bruch zu verkraften, gleichzeitig aber rasiermesserscharf ist. Das wird durch verschiedene Maßnahmen erreicht: Durch die Zusammensetzung des Ausgangsmaterials, die Art des Schmiedens, den Aufbau der Klinge und die ganz besondere Art des Härtens. Die unvergleichliche Ästhetik des japanischen Schwertes ist von diesen Vorgängen und ihrem Ziel, eine widerstandsfähige, schnitthaltige Waffe herzustellen, nicht zu trennen, ja geradezu nur ein Nebenprodukt dieser Bemühungen. Das darf nicht vergessen werden, wenn in der heutigen Zeit die Ästhetik verständlicherweise im Vordergrund steht. Sie war jedoch nie Selbstzweck.

aldus- Beim Lesen der Bücher verrinnt die Zeit, doch das Studium eines Schwertes ist wie ein voller Kelch, der die Seele erquickt.

Gyokuen (1683–1742)

Zunächst einmal sorgt die traditionelle Stahlherstellung im Tatara-Schmelzofen dafür, dass der Kohlenstoff nicht gleichmäßig im Metall verteilt ist, harte Bereiche wechseln sich mit weichen ab, dadurch ist die fertige Klinge zäher und verkraftet Schläge besser. Zudem wird der Klingenstahl während des Schmiedens immer wieder gefaltet, um eine widerstandsfähigere Struktur des Stahls zu erzielen. Das Ergebnis sind bis zu 6000 Lagen pro Zentimeter Materialstärke. Mindestens zwei verschiedene Sorten Stahl finden in einer Klinge Verwendung: Der Kern wird aus kohlenstoffarmem und damit weichem Stahl gebildet, um diesen herum wird ein Mantel aus härterem Stahl mit hohem Kohlenstoffgehalt gelegt. Der weiche Kern federt heftige Schläge ab, während der Mantel für eine möglichst harte und damit scharfe Schneide sorgt. Kompliziertere Vorgehensweisen verwenden bis zu sieben eigens vorbereitete Barren unterschiedlicher Stahlsorten für Kern, Schneide, Seitenteile, Rücken und Spitze der Klinge, das Prinzip ist jedoch stets dasselbe: Eine Kombination aus weichem mit hartem Stahl gewährleistet ein schwer zerbrechliches, trotzdem scharfes Schwert.

Bei der weiteren Verarbeitung wird die Klingenform gekrümmt ausgeschmiedet, so dass beim Hieb ein kleinerer Teil der Schneide auftrifft, der Druck damit größer ist. So ergibt sich eine bessere Schnittwirkung. Diese Krümmung ist nicht exakt festgelegt, sie liegt gemeinsam mit den weiteren Eigenheiten wie genaue Länge, Dicke und Breite im Ermessen des Schmiedes und bestimmt das Gesamterscheinungsbild der Klinge: Von schlank, leicht und elegant bis hin zu wuchtig und massiv. Die Schönheit einer Klinge ergibt sich des weiteren aus dem Zusammenspiel der drei wichtigsten Linien des Schwertes: Der des Rückens, der Schneide und des Mittelgrates zwischen ihnen beiden. Ein geschulter Betrachter kann schon allein aus ihrem Verhältnis zueinander oft Herkunftsort und Herstellungszeitraum einer Klinge bestimmen.

Die Geburt des Schwerts

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Ist die Klingenform grob ausgeschmiedet, begegnet der kritischste Moment in der Herstellung des Schwertes: Das plötzliche Abkühlen und damit Härten der glühenden Klinge in einem Wasserbad. In diesem Augenblick des Abschreckens (Yaki-ire) erhält, so die früher verbreitete Annahme, das Schwert seine Seele. Ein wichtiger Faktor sollte hierbei die Gemütslage des Schmiedes während des Vorgangs sein, ein Teil seiner Seele, so glaubte man, geht auf das Schwert über. Daher waren vor dem Härten besondere Rituale üblich, um die Übertragung von Kraft und Tugend des Schmiedes auf das Schwert zu gewährleisten. Noch heute darf während des Härtens kein Licht auf das Schwert treffen, doch hierfür überwiegen praktische Gründe: Die Temperatur des Metalls muss sich in einem sehr engen Bereich befinden, sie ist nur an der Helligkeit des Glühens ablesbar, die sich ohne Beleuchtung natürlich am besten erkennen lässt. Deshalb ist dieser Vorgang nur nachts üblich. Mit dem stetigen Luftstrom des Blasebalgs muss der Meister die Glut des Ofens ganz exakt temperieren, ein Fehler kann die rohe Klinge unwiederbringlich ruinieren. Der Schmied muss die Geduld haben, bis zum Erreichen der genauen Temperatur zu warten — und darf im richtigen Moment dann keinen Augenblick zögern. Hier sind dieselben Tugenden gefragt, die ein verbreiteter Lehrsatz von einem Samurai fordert: „Ruhig wie ein Berg sein, und beweglich wie das Wasser, das über ihn fließt.“

Katana4 Durch eine vor dem Abschrecken verschieden dick aufgetragene Lehmschicht wird die Struktur des Stahls je nach Klingenregion unterschiedlich beeinflusst, denn der Lehm verlangsamt das Auskühlen dort, wo er üppiger aufgetragen wurde. Die Schneide wird nur dünn bestrichen, sie kühlt schneller aus, deshalb wird der Stahl dort zu hartem Martensit. Der Rest des Schwertes wird dick mit Lehm bedeckt und kühlt deshalb langsam aus, so dass hier der Stahl weiterhin in weicher Perlitstruktur belassen wird. Senkrechte Striche aus Lehm über die Schneide bewirken, dass der Übergang zwischen den beiden Bereichen entlang der Länge des Schwertes nicht geradlinig, sondern wellenförmig ist: Das geschieht, damit im Extremfall keine großen Stücke aus der Klinge herausbrechen oder gar der gesamte gehärtete Bereich abbricht, sondern maximal ein Stück zwischen zwei „Wellenbergen“. Das sichtbare Ergebnis dieser komplizierten Prozedur ist die Härtelinie, Hamon genannt, herausragender Bestandteil der Ästhetik eines Samuraischwertes. Jede Härtelinie ist einzigartig, man wird niemals zweimal derselben Form begegnen. Die gängige Klassifikation unterscheidet allein 53 Grundtypen. Eine weitere Eigenheit, die beim Härten entsteht, ist Utsuri, ein bei Kennern geschätzter weißlicher, nebelartiger Farbeffekt auf dem nicht gehärteten Teil der Klinge, der oberhalb der Linie des Hamon wie vom Wind verwehter Schaum über Wellenbergen wirken kann. Er entsteht ausschließlich bei einer ganz bestimmten, nur mit großer Erfahrung exakt zu gewährleistenden Temperaturverteilung zwischen Schneide, Seitenteilen und Rücken der Klinge vor dem Abschrecken.

Katana6 Ist das Schwert ausgeschmiedet, gehärtet und in seine Form geschliffen, folgt die Politur (die auch den Feinschliff umfasst): Sie wird von einem eigenem Fachmann ausgeführt und kann bis zu 30 unterschiedliche Phasen umfassen; hunderte von verschiedenen Poliersteinen und anderen Werkzeugen finden je nach Schwert und gewünschtem Ergebnis Verwendung. Die Politur, so heißt es, bringt den wahren Charakter des Schwertes zutage, zeigt sein Herz: Zugrunde liegt die Vorstellung, ein richtiges Schwert lebe unter seiner Stahloberfläche, der Polierer soll nun gerade soviel von dieser Oberfläche abschleifen, dass man sein Leben darin erkennen kann. Die Oberfläche der Klinge wird nämlich nicht wie beim Polieren der westlichen Schule geglättet, oder, zutreffender: plattgewalzt, sondern in immer feineren Nuancen geschliffen. Somit wird sie in ihrer Struktur erhalten und ihre genaue metallurgische Beschaffenheit sichtbar gemacht. Der Hamon tritt nun klar hervor, ebenso auch das Oberflächenmuster des Stahls, das Jihada: Die durch das Falten des Stahlblocks im Schmiedevorgang entstehenden Lagen der Stahlschichten ergeben eine Struktur ganz ähnlich der in einem Holzblock. Wird die Oberfläche der Klinge nun senkrecht zu den zahllosen Stahlschichten angelegt, so ergibt sich ein Muster aus parallelen Linien, Masame genannt. Wird die Klingenoberfläche entlang den Schichten ausgeformt, so erhält man Itame, eine komplexe Maserung aus parallelen Linien und konzentrischen Kreisen ähnlich dem Muster in einer Pfauenfeder, die bei Kennern besonders beliebt ist. Wichtig sind auch ganz allgemein Farbe und Struktur des Stahls, das Jitetsu.

aldus- Der Weg des Schwerts und der Weg des Zen sind identisch, denn sie haben das gleiche Ziel: Das Ich zu töten.

Yamada Jirokichi (1863–1931)

Ebenfalls je eigene Spezialisten sind zuletzt für die weitere Ausrüstung der Klinge mit Klingenzwinge, Scheide, Montierungen und Beschlägen zuständig, diese Arbeiten können leicht noch einmal ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. Ein vollständig in Handarbeit geschmiedetes, poliertes und ausgestattetes Samuraischwert kann im Preis ohne weiteres einen Wagen der gehobenen Mittelklasse übertreffen. Auch ein solches Schwert ist letztlich nicht mehr als eine altertümliche Waffe, ein Gebrauchsgegenstand. Doch beim Betrachten des eleganten Zusammespiels von Form und innerer Linienführung, beim Vertiefen in die Landschaften seinerHärtelinie und die komplexe Oberflächenstruktur des Stahls wird man mit etwas Glück die Wahrheit des japanischen Sprichworts erfahren können: „Betrachte das Schwert und es sagt dir, wer du bist.“

-aldus

Leon Kapp u. a.: Japanische Schwertschmiedekunst. Eschershausen: Ordonnanz 1996.
Kokan Nagayama: The Connoisseur’s Book of Japanese Swords. NewYork / London: Kodansha 1997.
Setsuo Takaiwa u. a.: The Art of Japanese Sword Polishing. New York / London: Kodansha 2006.
http://japancutters.blogspot.com/


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