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aldus- New York ist zweifellos die energiegeladenste und umtriebigste Stadt der Welt. Und das, obwohl sie mit dem Central Park eine quadratkilometergroße Oase der Ruhe in ihrer Mitte hat. Obwohl? Wahrscheinlich gerade deshalb. Ein Gang durch den berühmtesten Park Nordamerikas.

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as wäre New York ohne den Central Park? Ein zweites Chicago, ein aufgeblasenes Houston, ein Betongewucher wie viele andere mehr. Seine Wolkenkratzer wirkten nur halb so beeindruckend, wenn sie in ihrer Mitte nicht respektvoll und diszipliniert Platz machten für diese staunenswerte, fragile Unwahrscheinlichkeit namens Central Park. Es ist dieses grüne Zugeständnis, das New York etwas gibt, das in amerikanischen Städten sonst so selten zu finden ist: Stil. Und es ist tatsächlich nichts Geringeres als ein Wunder, dass dieser Park zustande kam und in seiner ursprünglichen Form bis zum heutigen Tag auch überlebte. Schon sein Entstehen war höchst umstritten und bis zur rettenden Ernennung zum „National Historic Landmark“ 1963 verging kein Jahr, in dem nicht Vorschläge zu seiner Bebauung gemacht wurden: Ein Flughafen, Rennstrecken, Konzerthäuser und zuletzt gar ein unterirdisches Atomkraftwerk — das grüne Rechteck war eines der umkämpftesten Schlachtfelder der Stadt. Nun aber ist Central Park gesichert, messerscharf und großzügig herausgeschnitten aus dem wohl kostbarsten Baugrund der Welt.

aldus- Wenn Du einen Garten hast, hast Du eine Zukunft. Wenn Du eine Zukunft hast, bist Du lebendig.

Inschrift im „Secret Garden“ des Central Park

central-park2 Entworfen und angelegt wurde der Park zwischen 1858 und 1873 von Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux, deren „Greensward Plan“ gegen 32 andere Entwürfe eine Ausschreibung der Stadtväter gewonnen hatte. Beeinflusst von in der Unberührtheit nordamerikanischer Landschaften schwelgenden Gemälden der Hudson River School sollte ihr Park kein symmetrisches Gebilde aus geradlinigen Promenaden, sondern ein Arrangement von Naturbildern werden, ein „Museum ohne Wände“. Diese „Natur“ galt es allerdings erst einmal höchst aufwendig und künstlich zu schaffen — denn das Gelände war nicht mehr als ein felsiges und sumpfiges Ödland, das mühselig geebnet und bepflanzt werden musste. Gebäude sollten nur spärlich vertreten sein und stets in einem Bezug auf die Landschaft stehen; Vaux, selbst Architekt, proklamierte: „Natur an erster, zweiter und dritter Stelle, dann erst die Architektur, mit einigem Abstand.“

Die meisten der im Parkgelände begegnenden Brücken, Brunnen und Gebäude sind im kunstvoll-ornamentalen, manchmal auch schlicht kitschigen Viktorianischen und neugotischen Stil des 19. Jahrhunderts gehalten, oft vermischt mit alteuropäischen Stilrichtungen, wie auch sonst in Anlehnungen an die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts überall im Central Park verstreut kleinere Anlagen Eindrücke entlegenster Erdteile vermitteln sollen. Dann wieder beschwören Brücken aus groben Steinblöcken und einfache Holzhütten mitten in der Millionenstadt das einfache Landleben. Die überraschend hohe Zahl an Brücken — gut 60 finden sich im Park verstreut — verdankt sich in erster Linie dem komplizierten Wegesystem Olmsteds und Vaux‘, das eigene Wege für Fußgänger, Reiter und Kutschen vorsah — auf Kreuzungen sollten sich die unterschiedlichen Fortbewegungsarten nicht in die Quere kommen.

central-park3 Olmsteds und Vaux‘ Konzept eines Landschaftsparks, der dem arbeitenden Individuum in einer ideal-entrückten Natur Erholung und Entspannung gewähren sollte, wurde im 20. Jahrhundert überlagert von den Vorstellungen aktiverer Freizeitgestaltung. Es entstanden über dreißig Felder und Anlagen für die verschiedensten Sportarten, außerdem Konzertpavillons und andere Gelegenheiten für Kulturgenuss innerhalb der Grenzen des Parks. In den 60er Jahren entdeckte die Hippie-Bewegung den Central Park für ihre Massenaufläufe, später verfiel der Park in weiten Teilen, bevor der wirtschaftliche Aufschwung im New York der 80er Jahre auch seinem Erscheinungsbild wieder zugute kam. Heute ist er in besserem Zustand denn je, gefragter Ruhe- und Freizeitort für Touristen und Einheimische aller Schichten, eingerahmt von den berühmtesten Hotels und Apartmenthäusern der Stadt. An guten Tagen besuchen ihn mehr als eine halbe Million Menschen.

Wer sich dem Park im Sinne seiner Architekten nähern will, benutzt den stets als wichtigsten Eingang vorgesehenen Punkt an der südöstlichen Ecke, von der prestigeträchtigen Fifth Avenue aus. Hier begegnet „The Pond“ mit seinen unregelmäßigen, von prächtigen Bäumen gesäumten Ufern, der den Besucher sofort in die entrückte, ländliche Idealwelt einer stadtfernen Natur versetzen sollte. Ihn überblickt „Copcot“, ein luftiger Unterstand, dessen knorrige Stämme und Äste einen unwirklichen Kontrast zu den prachtvollen Gebäuden der Central Park South im Hintergrund bilden.

central-park4 Vorbei an einem kleinen Zoo trifft man weiter nördlich auf die fraglos beliebteste Statue des Parks: Balto, ein Husky, der als Schlittenhund 1925 ein überlebenswichtiges Antiserum nach Alaska brachte. Er ist der einzige im Central Park Geehrte, der bei der Einweihung seiner Statue auch selbst anwesend war. (Nach Zeitungsberichten interessierte er sich jedoch nicht sonderlich für die Reden, sondern versuchte statt dessen, eine Rauferei mit einem anderen Hund anzuzetteln.) Westlich liegt „Sheep Meadow“, die größte Grünfläche des Parks, in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein beliebter Versammlungsort der Gegenkultur. Die einfache Wiese wirkt wie der naturbelassenste Fleck des Central Park — und war doch in der Anlage am aufwendigsten und teuersten. Zahllose felsige Erhebungen mussten weggesprengt und ein guter Meter Erdreich aufgeschüttet werden, bevor die namensgebenden Schafe ihre Arbeit aufnehmen konnten. Der Rasen wird nun schon lange mechanisch gemäht, der ehemalige Unterstand der Schafe ist allerdings erhalten: als „Tavern on the Green“ — und die Besucher des hochgelobten Restaurants dürften auch mehr Freude am aufwendigen neugotischen Dekor des Gebäudes haben als die früheren Bewohner.

central-park5 Am östlichen Rand der „Sheep Meadow“ erstreckt sich „The Mall“, eine schnurgerade, von Ulmen gesäumte Promenade. Der Central Park ist sonst im „englischen“, das heißt natürlichen bzw. der Natur nachempfundenen Stil gehalten, nur „The Mall“ lässt noch an Gärten wie Versailles oder Schönbrunn denken — es ist der breiteste und gleichzeitig einer der höchst seltenen geraden Wege im Park. Mit den säulenartigen Stämmen und über den Köpfen der Besucher sich ineinander verflechtenden Ästen sollte sie als „Kathedrale der Natur“ für eine andachtsvolle Haltung sorgen. Die — wenigstens symbolische — Gleichsetzung Gottes mit der Natur war in der Zeit Olmsteds und Vaux‘ recht verbreitet, die Planer setzten dieses Konzept im nördlichen Abschluss der „Mall“, der „Bethesda Terrace“ fort, die bewusst als „Herz des Parks“ angelegt wurde. In drei Stufen zum Ufer eines großen Sees herabführend verehrt sie auf dem untersten und größten Plateau in der Mitte einer riesigen Brunnenanlage den „Engel des Wassers“, nicht nur im Sommer einer der beliebtesten öffentlichen Plätze der Stadt. Im Film ‚Fools Rush In‘ beschreibt ihn der Hauptdarsteller seiner mexikanischen Freundin als den einen Punkt, der ganz New York in sich zusammenfasst: „Es gibt einen Ort inmitten des Central Park, ‚Bethesda Fountain‘. Wenn Du lange genug dort sitzt, geht die ganze Stadt vorbei.“

central-park6 Von der „Bethesda Terrace“ erschlossen ist „The Lake“ der größte unter den unregelmäßig angelegten Seen des Parks, seine Buchten und Arme strecken sich in alle Himmelsrichtungen. An der schmalsten Stelle wird er von der „Bow Bridge“ überspannt, wahrscheinlich dem bekanntesten Bauwerk des Central Park: Sie ist berühmt für ihren grazilen Schwung, dessen sanfte Wölbung durch eine der frühesten Verwendungen von Gusseisen als Brückenbaumaterial möglich gemacht wurde; unzählige meist romantische Filme haben ihr ein Denkmal gesetzt. Sie verbindet den südlichen Teil des Parks mit „The Ramble“, einer Art wildromantischem Themenpark, der die Vorstellungen der Parkarchitekten von einer amerikanischen „Urlandschaft“ widerspiegelt: Kleinteiliges Buschgestrüpp und zugewucherte Tümpel bestimmen das Bild, verschlungene Pfade führen vorbei an unförmigen Baumriesen, Höhlen und rohen Felsformationen — eine „Natürlichkeit“, die, wie alles im Central Park, tatsächlich höchst künstlich zustande gekommen ist.

aldus- Der Himmel wird langweilig und dumm sein, wenn es dort kein Werk zu erschaffen gibt, wenn man für nichts kämpfen und nirgendwo eine Verbesserung anbringen kann.

Frederick Law Olmsted, einer der Architekten des Central Park

Exakt in der Mitte des Central Park breitet sich „The Great Lawn“ aus, eine riesige Grünfläche, die mittlerweile von verschiedenen Baseballplätzen zergliedert wird. Angrenzend liegt am Ostrand des Parks das Metropolitan Museum of Art, dem 1870 die erste und einzige Ausnahmegenehmigung für eine Bebauung des Parkgeländes zuteil wurde. Nördlich davon erstreckt sich über eine Fläche von gut einem Fünftel des gesamten Parkgeländes „The Reservoir“, die größte Wasserfläche des Parks. Wegen seiner regelmäßigen Uferlinie mit gleichmäßig gut ausgebautem Weg ist es vor allem bei Joggern beliebt — unter ihnen früher keine Geringere als Jacqueline Kennedy Onassis, nach der das Reservoir mittlerweile benannt ist. Der Uferweg wird überspannt von drei der schönsten unter den zahlreichen gusseisernen Brücken des Parks; im Westen und Osten wurden Kirschbaum-Alleen aus seltenen japanischen Arten angelegt, die während der Blütezeit für traumhafte Eindrücke sorgen.

central-park7 Nördlich des Reservoirs vereint der „Conservatory Garden“ drei unterschiedliche formale Gartenanlagen, darüber bildet das „Harlem Meer“ den nordöstlichen Abschluss des Central Park. Es ist mit einer weiteren kleinen Wasserfläche im Westen („The Pool“) durch einen schmalen Flusslauf verbunden. Vaux und Olmsted schwebte hier eine weitere „ursprüngliche“ Landschaft vor, und so begegnen auch hier rauhe Felsblöcke, grobhölzerne Brücken und ein schottische Vorbilder heraufbeschwörender „Loch“ (ein kleiner See).

Ganz im Norden lädt „The Blockhouse“, Teil ehemaliger Befestigungen des Revolutionskriegs, zu einem Blick zurück über den Central Park. Wer hier ankommt, hat vom südöstlichen Eingang eine Strecke von gut vier Kilometern Luftlinie zurückgelegt, doch in der Rückschau wirkt der Weg sehr viel länger — und die Stadt größer, die sich den Luxus einer solchen Leerstelle leistet. Großstädte gibt es viele. Aber wirklich groß ist eine Stadt, die einsieht, wie notwendig auch ihr Gegenteil ist. Und drei Quadratkilometer davon schützend in ihre Mitte nimmt.

-aldus

Sara Cedar Miller: Central Park, an American Masterpiece. A Comprehensive History of the Nation’s First Urban Park. New York: Abrams 2003.
Sara Cedar Miller: Seeing Central Park. The Official Guide to the World’s Greatest Urban Park. New York: Abrams 2009.
Dicksé Fitzgerald: Window on the Park. New York’s Most Prestigious Properties on Central Park. Mulgrave: Images 2008.

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