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Das Gemeinsame zweier Farben. Whistlers ‚Nocturne in Grau und Gold, Schnee in Chelsea‘ und der Zauber eines Missverständnisses.

I

n der Anmutung seiner Zeitlosigkeit grenzt dieses Gemälde an ein Wunder. Keinerlei Eigenheiten eines Stils lassen sich an ihm ablesen, nichts in der Formensprache oder Farbpalette, das auf eine Schule oder den Maler schließen ließe, auch das Dargestellte selbst ist unmöglich einer engeren Zeitspanne zuzuordnen. James Abbott McNeill Whistlers ‚Nocturne in Grau und Gold, Schnee in Chelsea‘ ist eines jener seltenen Werke der Kunstgeschichte, die aus der Traditionskette schroff herausragen, die ohne erkennbares Vorbild entstanden und auch — zumindest fürs erste — folgenlos blieben.

whistler-nocturne-in-grau-und-gold-schnee-in-chelsea Was ist dargestellt? Eine winterliche Straßenszene: Schnee bedeckt eine Brücke, über die eine nicht näher erkennbare Person geht; am jenseitigen Ufer glänzt ein hell erleuchtetes Hauseck, das Licht einzelner Fenster durchbricht die schwarze Silhouette der Stadt, der Nachthimmel ist in bläulichem Grau abgehoben, links wird er von einer riesenhaften Baumkrone verdunkelt; der Titel des Bildes nennt Chelsea als Ort. Ein erzählerisches Element fehlt der Szene völlig. Man kann beim besten Willen nichts über die dargestellte Person sagen, ob sie schnell oder mühsam geht, ob sie kurz vor der Heimkehr steht oder gerade erst aufgebrochen ist.

Von seiner gesamten Anlage her ist Whistlers ‚Nocturne in Grau und Gold, Schnee in Chelsea‘ darauf abgestellt, das Miteinander und Gegeneinander der Farben Grau und Gold auszukosten und in Szene zu setzen, ebenso ist der Weg, auf dem sich der oder die Einzelne befindet, nicht als etwas möglichst schnell und nur unter Mühen zu Überwindendes dargestellt — über fast die Hälfte seiner Fläche schwelgt das Bild geradezu in ihm. Erst eine klirrend kalte Winternacht lässt ein erleuchtetes Fenster wie pures Gold glänzen, erst das Grau macht das Gold zum Gold — und erst ein Ziel macht einen beliebigen Ort zu einem Weg. Whistlers ‚Nocturne in Grau und Gold’ hält dieses Moment der gegenseitigen Bedingung kunstvoll in der Schwebe und lässt einen gemalten Augenblick lang den Weg als beinahe abstraktes Prinzip vor dem Auge des Betrachters erstehen. Und gibt in der Harmonie seiner beiden wichtigsten Farben und dem Zauber dieses auf ewig angehaltenen Unterwegs einen Ausblick, was am Ende dieses Weges und aller anderen Wege stehen könnte oder besser: Welche Erkenntnis den Weg als Prinzip, als mentales Konstrukt selbst aufheben, ihn als Missverständnis entlarven würde: Grau und Gold sind eins. Doch der Weg hin zu dieser Erkenntnis ist lang.

Aldus



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