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Was die Welt zusammenhält. Jean-Antoine Watteaus ‚Einschiffung nach Kythera‘ macht einen Vorschlag.

D

ie Welt des Barock ist eine Bühne: Die große Inszenierung zählt, der glänzende Effekt, die imposante Geste. Das auf ihn folgende Rokoko beendete all das nicht abrupt, sondern kultivierte es, wandte es ins Elegante und Spielerische. An den drei Fassungen von Jean-Antoine Watteaus ‚Einschiffung nach Kythera‘ lässt sich in einem höchst seltenen Fall der Übergang vom Barock ins Rokoko in drei aufeinanderfolgenden Behandlungen desselben Motivs durch denselben Künstler nachvollziehen.

jean-antoine-watteau-einschiffung-nach-kythera-1 Die Insel Kythera, gelegen im Südosten der Peloponnes, galt der Zeit Watteaus im Rückgriff auf die griechische Mythologie als sagenhaftes Reich der Liebe, in dem fern aller Konflikte und Alltagssorgen das ganz Jahr ein heiteres, galantes Treiben herrscht. Die erste Fassung von Watteaus ‚Einschiffung nach Kythera‘, entstanden im Jahr 1710, zeigt noch deutliche Einflüsse des Barock: Die dargestellten Menschen finden sich im Halbrund wie auf einer Bühne ein, etwas steif scheinen sie im höfischen Zeremoniell befangen, auch die Amoretten, kleine Liebesgötter, sind nur wenig gelöster in ihrem Betragen, geduldig warten sie auf dem zu besteigenden Schiff.

jean-antoine-watteau-einschiffung-nach-kythera-2 In der sieben Jahre später entstandenen zweiten Version ist alle Steifheit abgelegt: Die Amoretten werfen sich in den Himmel empor, Aufbrechen und Abschied sind nicht mehr formal, sondern ein freundliches Zuwenden und Aufhelfen, fast glaubt man, beim Betrachten die höflichen Scherzworte zu hören, die es begleiten. Man sieht, was Eleganz immer ausmacht: Das gekonnte Vermitteln zwischen zwei Positionen — hier sind es Aufbruch und Verharren, die aus der spannungsreichen, doch anmutigen Körperhaltung und Gestik fast aller Dargestellten abzulesen ist. Die vorher brav gereckten Prunkstäbe gehen nun munter durcheinander oder liegen gar am Boden. Auch die Landschaft ist offener und freier geworden, die Rasenfläche hat nichts Bühnenartiges mehr, sondern ist zu einem abschüssigen Hang geformt, der den Aufbruch Richtung Schiff noch zu befördern scheint.

jean-antoine-watteau-einschiffung-nach-kythera-3 Im Jahr 1718 schließlich entstand die dritte und letzte Fassung von Watteaus ‚Einschiffung nach Kythera‘, und sie vollendet den Aufbruch zur Leichtigkeit, den der Maler mit seiner Folge unternahm. Hier scheint nun auch das Unbelebte vom neuen Geist des Rokoko erfasst — der im ersten Gemälde noch botanisch korrekt anmutende Baum der rechten Bildhälfte ist zu einem duftigen Baldachin geworden, dessen Äste den eleganten Schwung der höfischen Gesellschaft zu seinen Füßen aufnehmen, auch die Venusstatue hat Arme und Beine wiedergewonnen und ist zum Leben erwacht: Die Amoretten versuchen, sie in ihre galanten Spiele zu ziehen, in die sie allenthalben verstrickt sind; über dem Schiff schießen sie nun wie von aller Schwerkraft befreit in einem weiten Bogen durch den Himmel. Die Zahl der Dargestellten wurde nochmals erhöht — die Dichte des Getümmels fasst nun Mensch, Natur und selbst leblosen Stein zusammen in etwas, das wirkt wie eine bunte, anmutige Wolke. In dieser letzten Fassung von Watteaus ‚Einschiffung nach Kythera‘ wird vollends klar, welche Vision der Künstler entwickelte: Glück, Wohlwollen und Liebe sind, was die ganze Welt bewegt und zusammenhält. Das mag eine Lüge sein, aber man glaubt sie nur zu gern. Und vielleicht stellt diese Auffassung auch keine Bestandsaufnahme dar, sondern ist für jeden einzelnen eine Option, die Frage einer Entscheidung. Oder eines Aufbruchs.

-aldus



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