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Was wissen die Bilder von der Welt? John William Waterhouse‘ ‚Lady of Shalott‘ rätselt mit dem Betrachter.

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edes Bild ist eigentlich nur eine bunt bemalte Abdeckung der Welt. Wenn diese Welt lediglich aus einer bestimmten Fläche unansehnlicher Wand besteht, ist der Gewinn klar zu erkennen — doch wer sich nur noch mit Bildern umgibt, wessen Wahrnehmung nur noch aus Bildern besteht, der wird in einem lichten Moment vielleicht ahnen, in welche fatale Abhängigkeit er sich begibt. Einen solchen lichten Moment stellt John William Waterhouse‘ ‚Lady of Shalott‘ aus dem Jahr 1916 dar (eigentlich ‚„I Am Half-Sick of Shadows,“ Said the Lady of Shalott‘). Grundlage ist das gleichnamige Gedicht Alfred Lord Tennysons, das in zwei verschiedenen Fassungen 1833 und 1842 erschien.

waterhouse-lady-of-shalott Es berichtet von einer Dame, über die ein seltsamer Fluch ausgesprochen wurde: Sie muss in ihrem Turm auf einer Insel nahe der Hauptstadt Camelot bleiben und darf die Außenwelt nur durch einen Spiegel betrachten; das Gesehene muss sie in einen Bildteppich einweben. Als die prächtige Gestalt des Ritters Lancelot sie eines Tages dazu bewegt, sich der Realität direkt zuzuwenden, bedeutet es ihren Untergang. Waterhouse‘ ‚Lady of Shalott‘ zeigt die Dame, wie sie vor ihrem Webstuhl sitzt, im Hintergrund der kreisrunde Spiegel, in dem sich die Türme Camelots und der Weg dorthin spiegeln. Müdigkeit und Verzweiflung über ihre Situation sind ihr anzusehen — möglicherweise sollte der Moment unmittelbar vor ihrem verderbenbringenden Blick direkt aus dem Fenster dargestellt werden.

Neben der Illustration von Tennysons Gedicht ist Waterhouse‘ ‚Lady of Shalott‘ eine geradezu bildtheoretisch zu nennende Arbeit. Der Betrachter sieht ein Bild, in dem er das Spiegelbild eines Bildteppichs sieht. Also ein Bild im Bild im Bild. Was sagt die Reflexionsstufe über den Realitätsgehalt eines Bildes aus? Liegt der Gehalt niedriger — oder wegen des vom Künstler Hinzugefügten sogar höher? Wie unterscheidet man zwischen Bild und Realität? Ist die Unterscheidung überhaupt sinnvoll? Auch die Zeitsituation von Waterhouse‘ ‚Lady of Shalott‘ sollte man nicht vergessen. Ein ganzes Jahrhundert hatte man sich in die Welt des Mittelalters und seiner Sagen vertieft, die alten Texte ausgegraben, sie übersetzt und, wie Alfred Lord Tennyson, neue Texte aus den alten Sagenstoffen gewebt. Waterhouse selbst hatte unzählige Bilder in fernen Ländern und Zeiten angesiedelt, antike und mittelalterliche Stoffe behandelt. Und so mag ein wenig melancholische Erkenntnis in Waterhouse‘ ‚Lady of Shalott‘ mitschwingen, die Erkenntnis eines Künstlers, der sein gesamtes Leben hindurch aus Sagenbildern Ölbilder gemacht hatte und sich nach der wirklichen Welt hinter den Bildern gefragt haben wird. Auch für ihn allerdings war es zu spät. Kurz nach Vollendung seiner ‚Lady of Shalott‘ starb Waterhouse.

-aldus



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