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Das Vergehen von Schönheit ist ein Teil ihrer Pracht. Vincent van Goghs Sonnenblumen und der Blick, der ein Bild zu Kunst macht.

K

unst verdient ihren Namen nicht, wenn ihre Wirkung auch von einigen erläuternden Sätzen erzielt werden kann. Im Idealfall kann ein Kunstwerk völlig für sich alleine stehen, bedarf keinerlei Interpretation, sagt, was auf keine andere Weise gesagt werden kann — und bringt Dinge zum Sprechen, die sonst auf immer stumm geblieben wären. Vincent van Goghs Sonnenblumen sind ein solcher Idealfall.

van-gogh-sonnenblumen Van Gogh schuf die Gemälde zum größten Teil im Jahr 1888 in Erwartung seines Malerfreundes Paul Gauguin, mit dem er in der Provence eine Künstlerkolonie gründen wollte. Die Bilder waren für das gemeinsame Atelier bestimmt. „Weiter nichts als lauter große Sonnenblumen“ beschreibt van Gogh sie in einem Brief an seinen Bruder Theo — und damit ist eigentlich alles Wesentliche zu diesen Bildern gesagt.

Denn das Bestechende an diesen Gemälden ist eben das: Sie wollen nicht mehr und nicht weniger darstellen als einfach Sonnenblumen. Die Pflanzen sind nicht symbolisch oder allegorisch aufgeladen, sie werden nicht beschönigend oder idealisierend dargestellt. Mit beinahe körperlich spürbarer Einfühlsamkeit lässt der Künstler sich auf sie ein, auf ihre Schönheit, ihr Gleichmaß, aber auch auf ihre Zerbrechlichkeit, ihre Deformation, ihr Unvollendetes. Ihr Leuchten und ihre Pracht nimmt van Gogh ebenso sicher und mitfühlend auf wie das, was auf ihren nahenden Verfall hindeutet. Respekt spricht aus der Malweise des Künstlers, echtes Verstehen und vor allem: Liebe.

Kunst, die einfach die Wirklichkeit möglichst exakt abbilden will, ist letztlich nur Kunsthandwerk, und die Erfindung der Fotographie hat sie überflüssig gemacht. Was nicht heißt, dass alle Kunst seitdem ungegenständlich sein muss. Van Goghs Sonnenblumen sind nicht abstrakt, man wird sie auch nicht impressionistisch oder expressionistisch nennen wollen. Trotzdem würde niemand sie mit einer Fotographie verwechseln. Und obwohl sie in wohl unendlich vielen Details von ihren Vorbildern abweichen, wirken sie doch auf Anhieb richtig, ja, wahr. Van Gogh malte etwas anderes, als er sah, und erfasste doch das Wesen seines Motivs. Dass die Kunst mit einer Lüge die Wahrheit sage ist seit der Antike ein Gemeinplatz, wenn auch ein überaus tiefer Gemeinplatz. Und an kaum einem zweiten Werk lässt sich dieses uralte Rätsel der Kunst so fruchtbar studieren wie an van Goghs Sonnenblumen.

-aldus



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