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Die Farbe der Verzweiflung. Vincent van Goghs Selbstportrait aus dem Jahr 1889 lässt erahnen, was echte Kunst zum Leuchten bringt.

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ie unumschränkte Zustimmung, die Vincent van Goghs Werk heute erfährt, sollte stutzig machen. Die Posterindustrie verdankt die gefühlte Hälfte ihres Umsatzes der scheinbar grenzenlosen Beliebtheit des Künstlers — kaum ein Haus oder eine Wohnung, das noch nicht von einem Werk van Goghs geziert würde —, von den Rekordpreisen, die seine Originale seit den 1980er Jahren auf den internationalen Auktionen erzielen, ganz zu schweigen. Das Zynische dieses Befunds (van Gogh verkaufte zu Lebzeiten nur eine Handvoll Werke) ist oft bemerkt worden, erstaunlich ist aber auch, wie wenig die meisten Werke van Goghs — zumindest auf den ersten Blick — von der tiefen Verzweiflung erahnen lassen, aus der heraus sie entstanden.

vincent-van-gogh-selbstportrait Vincent van Goghs Selbstportrait aus dem Jahr 1889 dagegen macht schlagartig klar, dass der Künstler kein frohsinniger Bohemien oder heiterer Landschaftsmaler der bunten Farben wegen war. Der Gesichtsausdruck ist zwar fest, beinahe entschlossen, doch aus den Augen spricht abgründigste Verlorenheit. Das Werk entstand während van Goghs Aufenthalt im Sanatorium Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence, das er nach einer Reihe psychotischer Anfälle freiwillig aufgesucht hatte. Hier malte van Gogh auch sein wohl berühmtestes Gemälde, die ‚Sternennacht‘. In van Goghs Selbstbildnis aus dieser Zeit finden sich ähnliche Wirbel wie in seiner mittlerweile ikonenhaften Darstellung des Nachthimmels, ebenso in anderen Werken — etwa in der Darstellung von Wolken oder einem Getreidefeld. Im Selbstportrait aus dem gleichen Jahr jedoch sind diese Wirbel zu einem universellen Grundrauschen geworden, etwas, das selbst die Leere einer bloßen Wand füllt.

Ob sie nun als Wandschmuck Verwendung finden — bei der leicht zugänglichen Formensprache vieler Werke ist daran auch nicht das geringste auszusetzen — oder der eingehenden Analyse ausgesetzt werden, die sie verdienen: Dass er die wahre Schönheit der Welt gesehen und sie ausgehalten hat, macht den eigentlichen Wert der Gemälde van Goghs aus. Manche Schönheit allerdings ist für den Glücklichen unsichtbar. Und um die Schönheit der leeren Wand einer Nervenheilanstalt zu erkennen, dafür bedarf es wahrscheinlich nackter Verzweiflung.

-aldus



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