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Der blinde Fleck der Astronomie. Vincent van Goghs ‚Sternennacht‘ schickt auch gestandene Wissenschaftler in die Schule des Sehens.

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er Sternenhimmel ist längst kartographiert. Bis zum entlegensten Fixstern und kleinsten Saturnmond vermessen, bergen nur noch einige wenige seiner Tiefen einen Rest von Geheimnis. Was hier auf Erden mit bloßem Auge zu erkennen ist, entlockt der Astronomie nur ein müdes Gähnen. Doch das Gegenteil von Astronomie ist van Goghs ‚Sternennacht‘.

van-gogh-sternennacht Vergeblich wird man in dem Gemälde nach Großem Wagen, Polarstern und Plejaden suchen. Van Goghs Sternenhimmel ist ein Wirbel verschiedenfarbiger Flecken, aus dem einige Sterne mit zum Teil riesigem Lichthof hervorleuchten, der Mond nimmt unter ihnen nicht einmal eine besondere Rolle ein. Nicht einen einzigen Stern hat van Gogh in der Weise dargestellt, die Generationen von Malern vor ihm als die einzig mögliche erschien — als hellen Punkt: Selbst die einzelnen Lichter, die sich von dem Wogen unterschiedlicher Blautöne abheben, bestehen ausnahmslos aus einem Fleck dunklerer Farbe, den konzentrische Kreise von Weiß- und Gelbtönen umgeben. Doch trotz der eigenwilligen Darstellungsweise wirkt van Goghs ‚Sternennacht‘ ganz unmittelbar vertraut, und mehr noch: Sein Sternenhimmel ist eine überaus gewagte Deutung oder Interpretation, doch er ist auf eine tiefere Weise wahr, als jede noch so exakte Darstellung oder Fotografie es jemals sein könnte.

In seiner ‚Sternennacht‘ bezieht Vincent van Gogh die gesamte Natur in ein den Betrachter überwältigendes Geschehen ein: Die Zypressen lodern nachtschwarz dem Himmel entgegen, die Hügel im Hintergrund branden wie Wellen an die Felsen des Gebirges am rechten Bildrand. Alles ist in Bewegung und ruht doch im gleichen Augenblick, das ganze Universum scheint sich in dem riesigen Wirbel der Bildmitte kopfüber zu drehen, während in den beschaulichen Häuschen des Dorfes die Fenster in matter Gemütlichkeit glimmen. Es ist völlig klar, auch ohne das Kunstlexikon unter dem Begriff „Impressionismus“ konsultiert zu haben: Die Aufruhr der ‚Sternennacht‘ ist eine innere Aufruhr. Der Anblick eines Sternenhimmels kann nicht weniger als erschüttern und diese Erschütterung hat van Gogh auf die Leinwand gebannt wie niemand vor oder nach ihm. Und hat in einer bestechenden Lüge die Wahrheit einer Sternennacht auf den Punkt gebracht. Durs Grünbein nannte einen seiner Gedichtbände ‚Erklärte Nacht‘ — und wird dabei an van Gogh gedacht haben, nicht an Johannes Kepler.

-aldus



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