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Leben heißt, nach Blüten tasten. Vincent van Goghs ‚Mandelblüte‘ erzählt vom Suchen und Finden.

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ann gemalte Natur etwas vom Leben des Vorbilds auf die Leinwand retten? Echte Kunst kann sehr viel mehr als das. Vincent van Goghs ‚Mandelblüte‘ (auch ‚Blühende Mandelbaumzweige‘ genannt) geht weit über den Versuch hinaus, dem flüchtigen Moment der Blüte Dauer zu verleihen, das Gemälde ist ein abgründiges Rätsel und zugleich seine Lösung, wobei ihm die Natur nicht Ziel-, sondern Ausgangspunkt ist.

vincent-van-gogh-mandelbluete Auf den ersten Blick liegt nichts Außergewöhnliches darin, wie van Goghs ‚Mandelblüte‘ die Natur nachahmt. Das Holz der Zweige mit seinen knorrigen Verdickungen ist realitätsnah wiedergegeben, auch die Blüten scheinen nicht verfremdet. Doch was den Blick des Betrachters gefangenhält wie ein Labyrinth ist das wundersame Zusammenspiel aus Raum und Struktur, das van Goghs ‚Mandelblüte‘ entfaltet. Vom Sujet ausgehend bereitet das menschliche Auge dem Objekt einen leeren dreidimensionalen Würfel, in dem es dann den Mandelzweig verorten will. Doch weit kommt es damit nicht. Es ist unmöglich, zu sagen, wohin welcher Teilabschnitt des Zweiges genau verläuft, die willkürlichen Richtungswechsel schütteln das Auge des Betrachters rasch ab. Und was sehen wir überhaupt? Zweige in einer Vase? Woher kommt dann der Ast rechts oben? Einen Baum? Was hat dann der Himmel für eine seltsame Farbe und Struktur?

Van Goghs ‚Mandelblüte‘ ist nicht weniger als ein Gleichnis um Raum und Bewegung — und möglicherweise noch weit mehr. Wie alte, tastende Finger mit verdickten Gelenken breitet der Mandelbaum seine Zweige über die Leinwand, beinahe glaubt man, der langsamen, schmerzenden Bewegung zusehen zu können, wie Äste sprießen, sich verzweigen, kehrtmachen und — blühen. Es liegt etwas zutiefst Vergebliches in der Form der Äste und ihrer Bewegung, die den Raum nicht kraftvoll und geradlinig durchmessen und erschließen, sondern ihn erkunden und erproben, haltmachen, wie suchend Richtungsänderungen vollführen, in tote Enden auslaufen. Und dann immer wieder das schiere Wunder einer Blüte vollbringen. Die ganze nur scheinbare Vergeblichkeit der suchenden Bewegung hat dabei zur Folge, dass sich der Raum beinahe gleichmäßig mit Blüten füllt; das Tote, Knorrige und Sinnlose ist nicht nur Teil, sondern Bedingung der Blütenpracht.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wieviel Ähnlichkeit der Künstler selbst zwischen seinem eigenen, ebenso von tragischen Umbrüchen wie Momenten tiefster Schönheit gekennzeichneten Leben und diesem Mandelbaumzweig gesehen haben mag, dem alles Sinn- und Richtungslose nur Anlass zu einer betörenden Pracht aus Blüten wird. Doch es ist unmöglich für den Betrachter, nicht seine eigenen Schlüsse aus diesem Bild zu ziehen. Wie ein gleichmäßiger, bezaubernder Schauer leuchtender Flecken gehen die Blüten über das Gemälde. Und es ist doch ein unendlich kompliziertes Winden und Wachsen, Umkehren, Suchen und seltenes Finden, das sie zusammenhält. Glücklich, wer auf sein bisheriges Leben zurückblicken kann, ohne etwas Ähnliches zu sehen.

Aldus



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