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Der Raum zwischen unseren Schläfen. Vincent van Goghs ‚Weizenfeld mit Zypressen‘ vermisst unsere Innenwelt.

S

chon immer haben Menschen geahnt, dass der Augenschein der Dinge mit ihrem eigentlichen Wesen nicht viel zu tun hat, ihre wirkliche Natur uns verborgen bleiben muss. Platons berühmtes Höhlengleichnis hat dafür ein zwingendes Bild gefunden: Was wir sehen, ist nur der Schatten der wirklichen Dinge, die ein Feuer in einer Höhle an die Wand wirft. Doch es gibt Augenblicke, in denen wir für einen Moment wenigstens den Saum der Wahrheit in Händen zu halten glauben, und nicht selten sind diese Augenblicke durch Kunst vermittelt. Vincent van Goghs ‚Weizenfeld mit Zypressen‘ ist ein solcher Fall.

vincent-van-gogh-weizenfeld-mit-zypressen Auf den ersten Blick scheint er sich um das wirkliche Wesen der Dinge nicht recht zu kümmern, so groß sind die Freiheiten, die van Gogh sich in der Naturdarstellung nimmt: Die Zypressen lodern wie Flammen in den Himmel, das Weizenfeld wogt beinahe wie ein Meer, die Bergkette im Hintergrund ist sprunghaft und zerklüftet, als wäre sie ein Haufen Kieselsteine. Vor allem aber bewegt den Himmel eine Dramatik, die zunächst mit der eigentlichen Idylle der dargestellten Landschaft kaum in Einklang zu bringen scheint: Unregelmäßige Partien von Weiß und Blau heben sich von einer hellgrünen Fläche ab und werden durch kräftige dunkelblaue Striche akzentuiert. In der Darstellung des Himmels fällt der pastose Farbauftrag besonders auf, der den Eindruck aufgewühlter Lebendigkeit noch verstärkt.

Ist van Goghs ‚Weizenfeld mit Zypressen‘ also ein Dokument manierierten Kunstwillens? Eine Absetzbewegung vom Konkurrenzmedium der Fotographie, das manchen Zeitgenossen van Goghs die klassische Malerei überflüssig erscheinen ließ? Wer van Goghs ‚Weizenfeld mit Zypressen‘ auf sich wirken lässt, wird erkennen, dass die Freiheiten der Darstellung, die sich der Künstler hier nimmt, keine Freiheiten sind, sondern Notwendigkeiten. Jedenfalls, wenn man an mehr interessiert ist, als an dem, was sich auch dem nackten Auge bietet. Van Goghs ‚Weizenfeld mit Zypressen‘ schafft es, den Betrachter etwas von der Kraft und dem Leben erahnen zu lassen, die einer auf den ersten Blick so ruhig-beschaulichen Landschaft innewohnen: Büsche tollen über die Wiesen, ein Weizenfeld brandet wie das Meer und Wolken fangen an, miteinander zu ringen. Man muss nur die eigene Engstirnigkeit überwinden und ihnen den Raum dazu geben. Van Goghs Seele bot jedenfalls genügend Platz, ein ganzes Gebirge tanzen zu lassen.

-aldus



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