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Am Ende des Weges. Vincent van Goghs ‚Weizenfeld mit Raben‘ zeigt die Wahrheit der dunkelsten Stunde.

E

in Werk von der Biographie des Künstlers her zu deuten ist immer problematisch. Manchmal allerdings kann der Hintergrund der Entstehung schlechterdings nicht ausgeblendet werden, so bei Vincent van Goghs ‚Weizenfeld mit Raben‘, einem der letzten Gemälde, die der Künstler vollendete, bevor er sich am 27. Juli 1890 durch einen Schuss in den Leib das Leben nahm. Und tatsächlich steckt in diesem Bild sehr viel von einem Ende.

Zwei Farben bestimmen van Goghs ‚Weizenfeld mit Raben‘: das Gold des Getreides und das leuchtende Blau des Himmels darüber. Und doch ist die eigentlich dominierende Farbe eine andere, Schwarz: Bedrohlich drängt es vom oberen Bildrand herab, in der Mitte fast wie eine greifende Hand, schwarz flattern die Krähen über die Felder und scheinen das Dunkel des Himmels zwischen die Ähren zu tragen, in deren dunkelbraunen Strukturen sie aufgehen; auch vom Erdreich scheint das Schwarz heraufzudrängen, wie Pfützen liegt es auf den Wegen und scheint zwischen dem Gold der Felder hervor. Als erobere diese Farbe, die van Gogh in anderen seiner Bilder — selbst in seiner ‚Sternennacht‘ — so beglückt vernachlässigt und an den Rand gedrängt hatte, nun die Welt, das Leben des Künstlers zurück.

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Auch die räumliche Ordnung der Landschaft scheint in van Goghs ‚Weizenfeld mit Raben‘ zusammengebrochen. Die Wege haben nichts mehr mit einer Erschließung zu tun, ziellos und wie schmerzerfüllt winden sie sich durch die untere Bildhälfte, im linken Abschnitt grotesk verzerrt, rechts nur als kahle, geschundene Stelle, in der Mitte rasch vom krähenbedrängten Weizenfeld verschluckt. Kein Ausblick, kein Silberstreif am Horizont, nur Orientierungslosigkeit und von überall herandrängendes Schwarz.

Für gewöhnlich versucht eine Interpretation, auch dem düstersten Kunstwerk noch eine lebensbejahende Seite abzugewinnen, doch bei van Goghs ‚Weizenfeld mit Raben‘ scheint das unmöglich. Sein Weg als Künstler hat van Gogh zu den unterschiedlichsten Orten geführt, von der überbordenden Lebenskraft einer wogenden Landschaft hat er ebenso gesprochen wie von der Weisheit eines alten, einfachen Mannes oder der anrührenden Schönheit verwelkender Sonnenblumen. Euphorie und schiere Lebenslust findet sich allenthalben in seinen Gemälden. Doch auch im tiefsten Verzweifeln war ihm seine Kunst das Nächste — und so rundet sich sein Werk zu einem vollständigen Abbild des menschlichen Lebens und Fühlens. Es gibt keine gute und schlechte Kunst, nur wahre und weniger wahre. Van Goghs Kunst ist wahr, sie ist durch und durch aufrichtig in ihrer Begeisterung ebenso wie in ihrer Verzweiflung, der Künstler nimmt sie nicht auf und legt sie ab wie einen Mantel, je nach Mode und Wetter, sondern trägt sie in sich bis zuletzt, bis zu einem Ort, an dem keiner von uns je sein will. Und so fügt van Goghs ‚Weizenfeld mit Raben‘ seinem lückenlosen Bild der Welt das letzte, dunkle Steinchen hinzu.

-aldus



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