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Glück sieht anders aus. Aber nicht sehr viel. Van Goghs ‚Portrait des Dr. Gachet‘ und die Anatomie der Melancholie.

D

ie Melancholie ist Thema der Kunst, solange es Kunst gibt. Antike Statuen brüten seit Jahrtausenden marmorschwere Gedanken, dem Barock war sie die einzige einem Helden wirklich angemessene Geisteshaltung, eines der rätselhaftesten Kunstwerke überhaupt, Dürers ‚Melencolia I‘, trägt die Schwermut schon im Titel. Frühere Werke banden die Melancholie meist in komplexe Bedeutungszusammenhänge ein — und sei es nur in Verbindung mit einem Memento Mori —, Vincent van Goghs ‚Portrait des Dr. Gachet‘ jedoch verzichtet auf jede thematische oder biographische Einordnung und ist der Moderne trotzdem oder vielleicht gerade deshalb zum Sinnbild der Melancholie schlechthin geworden.

vincent-van-gogh-portrait-des-dr-gachet-1 Van Goghs ‚Portrait des Dr. Gachet‘ entstand in zwei Versionen im Jahr 1890, wenige Monate vor dem Selbstmord des Künstlers. Es zeigt den Arzt und Kunstkenner Paul-Ferdinand Gachet in Auvers-sur-Oise, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Paris, bei dem van Gogh wegen seiner psychischen Erkrankung zuletzt in Behandlung war. Die Fassungen weichen in zahlreichen Details voneinander ab. Beide jedoch zeigen den Portraitierten, durch die Heilpflanze Fingerhut auf dem Tisch als Arzt ausgewiesen, in der kunstgeschichtlich klassischen Haltung mit auf die Hand gestütztem Kopf; auch der Ausdruck des Arztes, von dem van Gogh schrieb, er leide mindestens so sehr wie er selbst am Nervenübel, ist im wesentlichen derselbe: Er ist gekennzeichnet von Gedankenverlorenheit, grundloser Trauer, Einsamkeit — kurz: Melancholie.

vincent-van-gogh-portrait-des-dr-gachet-2 Die erste Version von van Goghs ‚Portrait des Dr. Gachet‘ ist wohl als die lebensfernere der beiden anzusprechen. Ein giftiges Türkis in der oberen Gesichtspartie gibt dem Dargestellten ein kränkliches Aussehen, die Mundpartie ist schlaff, der Blick geht ins Leere. In der zweiten Version dagegen, die sich im Besitz des Arztes befand, ist das Gesicht Dr. Gachets weniger ungesund in der Anmutung, der Ausdruck um den Mund ist bestimmter, der Blick fester. Dafür hat das Blau der Landschaft im Hintergrund hier eine beinahe hypnotische Qualität gewonnen: Gleichzeitig leuchtend und ins Dunkelblaue sackend scheint die Schwermut auf die Umgebung übergegriffen zu haben, gemeinsam mit dem irrealen Rot des Tisches enthebt es die Szene beinahe jeder Realität.

Das eigentlich Anrührende sind in beiden Versionen des Portraits die Augen Dr. Gachets. Ihr Ausdruck erzählt eine lange, traurige, wortlose Geschichte, die etwas mit Leben zu tun hat und mit Sterben und mit dem ganzen unseligen Durcheinander dazwischen. Jeder kennt sie. Und jeder kennt das dazugehörige Gefühl, nicht Zufriedenheit, nicht Verzweiflung und doch etwas von beidem. Vor allem aber, ob vergangen, erhofft oder wegen des Geschenks seiner schieren Möglichkeit, ist Glück ein Teil davon. Wahrscheinlich sogar der wichtigste.

Aldus



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