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Der Künstler als Auge seiner Zeit. Vincent van Goghs ‚Café bei Nacht‘ und die Schönheit des Ungesehenen.

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as Welträtsel fragt nicht höflich an, bevor es sich ereignet. Es ist stetig da, in winzigen Details ebenso zu erahnen wie in großen Zusammenhängen. Doch egal wo und wie sich eine Gelegenheit bieten sollte, einen Zipfel davon zu erhaschen — meistens schaut wieder einmal gerade keiner hin. Irgendein Künstler vielleicht, was hat er auch sonst zu tun. Wenn das Bürgertum dann in der richtigen Stimmung ist, lustwandelt es durch die Galerien und erbaut sich an den ihm entgangenen Einsichten — zumindest, bis die Zeit für den Nachmittagstee gekommen ist.

vincent-van-gogh-cafe Vincent van Goghs ‚Café bei Nacht‘ (auch ‚Café de Nuit‘ oder ‚Caféterrasse bei Nacht‘ genannt) zeigt einen solchen Augenblick. Es ist eine laue Sommernacht in einem Gässchen der südfranzösischen Stadt Arles. Das Bild wird dominiert von der großen Terrasse eines Cafés, eine riesige Laterne bedeckt Wand und Markise mit einem warmen gelben Schimmer. Menschen sitzen an den Tischen des Cafés, einige gehen vorüber — und keiner schenkt dem Ungeheuerlichen Beachtung, das sich gerade über ihren Köpfen ereignet: das bodenlose Blau eines Nachthimmels, von Sternen übersät. Menschen lachen, scherzen und bestellen sich ihren Café au lait — während im Hintergrund ein spektakulärer Sternenhimmel das unendliche Räderwerk der großen Weltmaschine erahnen lässt.

Beinahe will es scheinen, als schirmte die Markise des Cafés die Besucher gegen die gewaltige Sternennacht ab, doch eine solche Interpretation dürfte van Goghs Absichten zuwiderlaufen. Ihm ging es wohl kaum darum, die Bürger in ihrer Oberflächlichkeit zu geißeln, nur weil sie nicht alle auf der Straße stehen, um andächtig den Sternenhimmel zu beäugen. Vielmehr führt van Goghs ‚Café bei Nacht‘ in aller Bescheidenheit das Wunder der Gleichzeitigkeit von menschlichem Alltag und den großen kosmischem Zusammenhängen vor Augen. Ein Straßenschild kann den Mond verdecken, eine Markise das ganze Universum. Doch deshalb sind die Gestirne nicht verschwunden und ist ihre Schönheit und Würde nicht beeinträchtigt. Das Ganze ist ein Teil von allem, zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob gerade jemand hinsieht oder nicht. Wer diese Einsicht verinnerlicht, für den wird zwischen dem Plumpsen eines Stückchen Würfelzuckers und einem Venusdurchgang kein fundamentaler Unterschied bestehen. Eine buddhistische Weisheit hat das auf den Punkt gebracht: „Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen.“ Oder auch — so wird man mit van Goghs ‚Café bei Nacht‘ ergänzen wollen: Kaffee trinken.

-aldus



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