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Ich und der andere. Vincent van Goghs ‚Alter provenzalischer Bauer‘ kommt ohne Utopie zum Ziel.

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u Zeiten Vincent van Goghs war die Malerei schon seit längerem darüber hinaus, hauptsächlich mächtige alte Männer und leichtbekleidete junge Damen zu portraitieren. Seit der Französischen Revolution interessierte sich die bildende Kunst mehr und mehr auch für den arbeitenden Teil der Bevölkerung, ihr Leben, ihre Welt und ihre Arbeitsbedingungen. Spätestens mit Millets ‚Ährenleserinnen‘ war die Landarbeit und ganz allgemein Menschen der einfachen Bevölkerung zu einem festen Sujet der Malerei geworden. Von einer „Befreiung“ dieser Teile des Volkes zum ästhetischen Subjekt kann hierbei aber wohl nur in den allerwenigsten Fällen die Rede sein, ging es den Künstlern doch meist darum, die Dargestellten in den Dienst einer sozialen Idee zu stellen. Auch diese Kunst spannte also die arbeitende Bevölkerung wieder vor einen Karren, wenn auch einen Karren in eigener Sache der Dargestellten und in höchst ehrenwerter Absicht, doch es blieb ein Karren.

vincent-van-gogh-alter-provenzalischer-bauer-patience-escalier Vincent van Goghs ‚Alter provenzalischer Bauer‘ dagegen besticht auf den ersten Blick durch die vorurteilsfreie, geradezu absichtslose Wahrnehmung des Künstlers. Dieses Gemälde ist kein politischer Kommentar, es versteht den Portraitierten nicht zuallererst als Angehörigen einer sozialen Schicht, als fleischgewordene Notwendigkeit gesellschaftlichen Wandels, sondern interessiert sich für ihn als Menschen. Auch wird hier keine Altersweisheit zur Schau gestellt, die manche Künstler in vergleichbaren Arbeiten den Dargestellten geradezu auf einem Schild um den Hals hängen — „Wenn er schon nicht reich ist, dann sollte er wenigstens klug sein, damit ich ihn male.“

Patience Escalier, so der Name des Portraitierten, war ein Gärtner und Schäfer, dem van Gogh während seines Aufenthalts in Arles im Sommer 1888 begegnete. In zwei Gemälden und einer Zeichnung portraitierte der Künstler den Landarbeiter, dessen Züge ihn an seinen eigenen Vater erinnerten. Mit unvoreingenommener Sachlichkeit sind vor allem im zweiten Ölgemälde Kleidung und Gesichtszüge des Mannes festgehalten: die von Wind, Wetter und Sonne gegerbte Haut mit ihren tiefen Furchen, die eingefallenen Wangen, die müden, aber aufmerksamen Augen, die kurzen, groben Finger. Das intensive Orange des Hintergrunds weckt, diese Absicht bekundete van Gogh auch in einem Brief, den Eindruck brütender Hitze eines Augusttages, inmitten der Erntezeit.

Vincent van Goghs ‚Alter provenzalischer Bauer‘ kommt, wie so viele Werke des Künstlers, ohne jede Interpretation aus — es zeigt schlicht einen alten, provenzalischen Bauern, einen einfachen, selbstbestimmten Mann, der keine übergeordneten Gesellschaftstheorien benötigt, um interessant zu sein. Auch das ist eine Befreiung.

Aldus



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