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Die Würde eines zum Tode Verurteilten. Turners ‚Fighting Temeraire‘ sieht beide Seiten des Fortschritts.

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oseph Mallord William Turner war Augenzeuge eines der wichtigsten Umbrüche der Menschheitsgeschichte: dem Beginn des Dampfzeitalters. Allenthalben sorgte die neue, unerhört ergiebige Kraftquelle für euphorischen Optimismus, neue Industrien entstanden und ganze Städte um sie herum, die zivilisierte Welt fiel in einen wahren Taumel aus Fortschrittsbegeisterung. Von alledem ließ sich Turner nicht anstecken, ohne sich deshalb allerdings auf die Seite der Maschinenstürmer zu schlagen. Vor allem in Turners ‚Fighting Temeraire‘ (auch ‚Die letzte Fahrt der Temeraire‘) lässt sich seine Haltung besonnener Nachdenklichkeit und leiser Nostalgie erkennen, wie sie später auch im Gemälde ‚Rain, Steam, and Speed‘ zum Ausdruck kam.

turner-fighting-temeraire Turners ‚Fighting Temeraire‘ zeigt das gleichnamige Linienschiff (ein Kriegsschiff, das in der Hauptlinie der Formation fuhr), wie es von einem Dampfboot in die Themsemündung Richtung London geschleppt wird, um dort abgewrackt zu werden. Turner hatte die Szene mit eigenen Augen beobachtet, bei der Darstellung nimmt er sich jedoch alle Freiheit, um seine künstlerische Intention unzweifelhaft werden zu lassen: In klarer Symbolik verkörpert die Temeraire in ihrer blassen, dunstigen Farbgebung das gerade untergehende Zeitalter der stolzen Segelschiffe, der Schlepper dagegen steht für die neue Zeit des technischen Fortschritts, er hebt sich in seinen kräftigen Tönen überdeutlich von der Temeraire ab. Die Farben seiner Rauchsäule sind exakt die der Wolken um die im Osten aufgehende Sonne, die Temeraire dagegen stellt sich in ihren geisterhaften Weißtönen zum silbrigen Mond, der hinter dem betagten Segler am Himmel steht.

Eine unverkennbare Majestät zeichnet in Turners ‚Fighting Temeraire‘ das Schlachtschiff aus, das mit seinen hundert Kanonen im Jahr 1805 in der berühmten Schlacht von Trafalgar mitkämpfte. Die steilen Bordwände und hoch aufragenden Masten geben ihm die Anmutung eines Königs, der unbesiegt und ungebeugt den Weg in die Verbannung beschreitet. Der Schlepper hat in seiner schwitzigen Geschäftigkeit dagegen rein gar nichts Aristokratisches. Er ist in schmutzigen Farben gehalten, flach und breit kriecht er wie ein hässlicher Käfer über das Wasser, rußige Rauchschwaden ausstoßend. Es ist ein Ungetüm, doch ihm fährt die Morgenröte einer neuen Epoche aus den Nüstern.

-aldus



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