turner-schneesturm-auf-dem-meer-thumb

Ein Unwetter namens Zivilisation. Turners ‚Schneesturm auf dem Meer’ zeigt Wesensverwandte.

S

eit den Zeiten des Faustkeils träumt der Mensch davon, sich die Natur untertan zu machen. Wo sie ihn mit Willkür und Gefahr bedroht, möchte er Kontrolle, Sicherheit und, wenn möglich, auch noch Stil. Es genügt nicht, an einem einzigen Tag unbehelligt von widrigem Wetter 1000 Kilometer durch Gebirge, Wälder und Sümpfe in einem weichen Plüschsessel zurückzulegen, es soll zur Mittagszeit auch noch ein saftiges Steak sein, innen zartrosa, sowie nachmittags eine Tasse Tee. Kaum eine Zeit wähnte sich der Illusion einer wirksam unterworfenen Natur so nah wie das Dampfzeitalter mit seinen beinahe wöchentlich neuen technischen Errungenschaften. Joseph Mallord William Turners ‚Schneesturm auf dem Meer‘ dagegen versucht einen Blick auf die tatsächliche Lage im Kampf des Menschen gegen die Natur – in einer offenen Hellsichtigkeit, die sein Werk unter dem zeitgenössischer Künstler zu einer Ausnahmeerscheinung macht.

turner-schneesturm-auf-dem-meer Das Gemälde zeigt ein Dampfboot in flachem Gewässer in der Nähe eines Hafens. Durch einen Schneesturm in Bedrängnis gebracht, schießt die Besatzung Leuchtmunition ab, um nahende Schiffe vor einer Kollision zu warnen. Nur schemenhaft sind in der Mitte des Gemäldes die Umrisse des Dampfboots zu erkennen, dominiert wird das Bild von einem gewaltsamen Durcheinander aus See, Gischt, Schnee und Rauch; der gleißende Schein der Leuchtkugeln wirft helle Flächen und Schlagschatten um das Boot. Es ist nicht zu erkennen, ob und in welche Richtung der Dampfer sich bewegt, er zwingt der Natur kein kraftvolles, zielgerichtetes Fortkommen ab, auch bildet das Unwetter keine klare Front, gegen die das Schiff heroisch ankämpfen könnte. Sturm und Meer sind schlicht Teil eines blinden, chaotischen Naturgeschehens, in dem es für das Dampfboot ums nackte Überleben geht.

Selbst das wenige an Unterscheidung, das der Betrachter von Turners ‚Schneesturm auf dem Meer‘ zwischen den wütenden Elementen treffen kann, ist nur dem vorübergehenden Licht der Leuchtkugeln gedankt. Mit ihrer Hilfe scheint der Dampfer sich die Natur für einen Augenblick vom Leib zu halten, und man vermag sich das finstere, gewalttätige Chaos kaum vorzustellen, in dem das Boot verschwinden wird, sobald die letzten Reste der Signalkörper verglommen oder vom Sturm ins Meer gepeitscht worden sind.

Turners ‚Schneesturm auf dem Meer’ geht es nicht um ein bestimmtes Schicksal eines bestimmten Dampfbootes, auch wenn ein tatsächlicher Vorfall dem Künstler Anlass zu dem Bild gegeben haben soll. Das Gemälde zeigt vielmehr einen aufs äußerste zugespitzten und verdichteten Augenblick des seit Tausenden, wenn nicht seit Millionen von Jahren währenden Kampfes zwischen Mensch und Natur. Mit zwingenden malerischen Mitteln führt Turner dabei vor Augen, dass sich der Mensch in seinem vermeintlich hehren Zivilisationsstreben in keiner Weise vom blinden, ebenso nur vermeintlich zerstörerischen Willen der Natur unterscheidet. Der Mensch kann letztlich genausowenig darüber Auskunft geben, warum er unbedingt in einem tonnenschweren Ungetüm aus Stahl und Holz über das Meer fahren muss, wie ein Sturm den Grund dafür angeben könnte, warum er soeben ein Schiff versenkt hat. Der Mensch ist lediglich derjenige Teil des umfassenden Willens in der Natur, der von sich selbst in hohen Worten zu sprechen gelernt hat. Tatsächlich ist er in seinem Streben nach Wachstum und Dominanz genauso blind wie ein wütendes Unwetter. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar