turner-rain-steam-speed-thumb

aldus- Der Punkt, an dem Geschwindigkeit zum Selbstzweck wird. Turners ‚Rain, Steam, and Speed‘ schwelgt in einer Reise mit unbekanntem Ziel.

D

ie Interpretation eines Bildes „aus seiner Zeit heraus“ ist oft unbefriedigend, insbesondere, wenn ein Künstler von Dingen spricht, die über den Tag hinaus Gültigkeit haben. Bei Joseph Mallord William Turners ‚Rain, Steam, and Speed — The Great Western Railway‘ ist eine solche Deutung allerdings unabdingbar. Schon im Titel wird einer der wichtigsten Begriffe der Zeit benannt: „Steam“ — das Zeitalter des Dampfs war um die Mitte des 19. Jahrhunderts in vollem Gange und bei seinem Ausgang im 20. Jahrhundert sollte es die Welt für immer verändert haben. Schon zur Zeit der Entstehung von ‚Rain, Steam, and Speed‘ hatte die industrielle Revolution ihre ersten katastrophalen Auswirkungen gezeigt und etwa Manchester in ein düsteres Verlies verwandelt, über das Tocqueville schockiert berichtete: „Ein dichter, schwarzer Qualm liegt über der Stadt. Durch ihn hindurch scheint die Sonne als Scheibe ohne Strahlen. In diesem verschleierten Licht bewegen sich unablässig dreihunderttausend menschliche Wesen. Tausende Geräusche ertönen unablässig in diesem feuchten und finsteren Labyrinth.“

turner-rain-steam-speed Doch Turners ‚Rain, Steam, and Speed‘ will von alledem nichts wissen, es gibt sich ganz dem Rausch der Beschleunigung hin, der seine Zeit erfasst hatte. Der Dampf und die von ihm ermöglichte Geschwindigkeit des Zuges vermischen sich in diesem Gemälde mit Regen und Wolken untrennbar zu einem Naturereignis, das alle sozialen und technischen Realitäten ausblendet. Wie im Blick eines, dessen Augen im Fahrtwind tränen, verschwimmen in Turners Darstellung Himmel, Wasser, Horizont, Brücke und Zug miteinander. Die Bahnstrecke allein ist kräftig hervorgehoben, ihre perspektivische Zuspitzung macht die Geschwindigkeit des nahenden Zuges beinahe körperlich spürbar und ebenso den Stolz einer Zeit, die glaubte, den Raum nun endgültig unterjocht zu haben.

Die „Great Western Railway“ ist eine tatsächliche britische Eisenbahngesellschaf der Zeit, auch der dargestellte Ort lässt sich identifizieren: Es ist die Eisenbahnbrücke über die Themse zwischen Taplow und Maidenhead. Der Blick geht zurück Richtung London — und auch in diesem Detail scheint die Auffassung der Zeit getreu wiedergegeben, die vor lauter Begeisterung über die eigene Geschwindigkeit nicht danach fragte, wohin die Reise eigentlich geht. Schon einige Jahrzehnte später wusste man mehr. Verpestete Innenstädte, riesige Industriegebiete und wie Krebsgeschwüre ins Umland wuchernde Vororte — bis heute können wir kaum abschätzen, was uns der Zugewinn des Fortschritts an Verlusten beigebracht hat. Doch soviel steht fest: Zur vorwärtstürmenden Reise Richtung Zukunft, an der sich Turners ‚Rain, Steam, and Speed‘ berauschte, gibt es keine Rückfahrkarte.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar