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Das Gute im Herzen des verhinderten Mörders. Tizians ‚Zinsgroschen‘ sieht mehr als Menschenaugen.

E

s gibt Blicke, sagt man, die können töten. Doch ist auch das Gegenteil möglich? Wenn ja, dann muss es ein Blick sein wie in Tizians ‚Zinsgroschen‘. Die berühmte Geschichte dazu findet sich im Matthäus-Evangelium (22, 15—22): Die Pharisäer wollten Jesus in eine Falle locken, indem sie ihn befragten, ob es recht sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Antwortete er mit Ja, hätte er sich mit diesem Votum für die verhassten römischen Besatzer bei den Einheimischen unmöglich gemacht. Antwortete er mit Nein, verstieße das gegen geltendes Recht und er hätte der römischen Justiz übergeben werden können. Jesus durchschaut das Ansinnen. Er lässt sich vom Pharisäer einen Denar geben und fragt ihn, was darauf abgebildet sei. „Der Kaiser.“ — „Also gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ „Und als sie das hörten, wunderten sie sich und ließen ihn und gingen weg.“

tizian-zinsgroschen Tizians ‚Zinsgroschen‘ hält sich nicht mit Kulisse und Details der Geschichte auf, er inszeniert keinen Triumph der Weisheit mit üppiger Personenstaffage, wie das andere Maler vor ihm getan haben. Er konzentriert sich auf den einen, entscheidenden Moment: Als Christus den Zinsgroschen vom Pharisäer entgegennimmt. Das Bild wird fast allein von Jesus ausgefüllt, dessen Körpersprache ruhig und sicher wirkt. An ihn drängt sich von rechts der Fragende heran, mit verkniffenem Gesicht und verkrampfter Handhaltung — die Verschlagenheit seiner Absicht ist ihm sofort anzusehen. Doch im Antlitz Jesu ist nichts vom Dünkel überlegener Klugheit zu sehen, auch kein Zorn, von dem in der Bibel durchaus etwas zu spüren ist („Was versucht ihr mich, Heuchler?“), statt dessen ein Blick, der direkt ins Herz seines Gegenübers geht. Und dieser Blick in Tizians ‚Zinsgroschen‘ sagt beinahe mehr als alle Worte der biblischen Geschichte, er ist nicht weniger als die Essenz der Botschaft Jesu und des Neuen Testaments: Dieser Blick sieht die Verfehlung des Pharisäers, sieht Zweifel, Hass und Falschheit nicht nur in dessen Gesicht, sondern auch in seinem Herzen. Doch die unendliche Milde in den Zügen Christi zeigt, dass Jesus nicht den Stab über ihm bricht, ihn deshalb nicht verurteilt oder sich über ihn stellt. Es ist ein Blick, der nicht das Böse verurteilt, sondern das schlafende Gute weckt.

In der Geschichte des Matthäus-Evangeliums wirkt es, als habe Christus die Pharisäer abgefertigt. Er hat den Plan, der ihm unter Umständen das Leben hätte kosten können, durchschaut, sich ihnen als überlegen erwiesen und sie davongejagt. Doch Tizians ‚Zinsgroschen‘ macht aus diesen schnellen Ende einen langsamen Anfang: Im Herzen des Pharisäers und wahrscheinlich in jedem, der das Bild je aufmerksam betrachtet hat.

-aldus



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