tizian-bacchus-und-ariadne-thumb

Der Augenblick der Liebe. Tizians ‚Bacchus und Ariadne‘ feiert die Schwerelosigkeit im Zwischenmenschlichen.

T

izians ‚Bacchus und Ariadne‘ mag auf den ersten Blick Rätsel aufgeben, doch der Hintergrund ist rasch erklärt: Der athenische Königssohn Theseus hatte der Sage nach auf Kreta mit Hilfe Ariadnes den Minotaurus besiegt (ein Knäuel roten Wollfadens, das die verliebte Ariadne dem Helden zugesteckt hatte, half diesem beim Weg zurück aus dem Labyrinth des Ungeheuers — daher der Begriff Ariadnefaden). Auf dem Weg zurück nach Athen lässt Theseus Ariadne jedoch auf der Insel Naxos zurück. Dort findet sie der Weingott Bacchus, verliebt sich in sie und nimmt sie zur Braut. Ihr Diadem wirft er hoch in den Himmel, wo es zum Sternbild der Nördlichen Krone wird.

tizian-bacchus-und-ariadne In Tizians ‚Bacchus und Ariadne‘, entstanden 1523/24 für Alfonso d’Este, hat die Verlassene den Verrat soeben bemerkt: Theseus‘ Schiff ist am linken Bildrand noch auszumachen, sehnend streckt Ariadne ihre Hand nach ihm aus — als von rechts der Halbgott Bacchus mit seinem Gefolge herannaht. Dieser Augenblick scheint das Bild physisch in zwei Teile zu zerreißen: Die linke obere Hälfte besteht zum größten Teil aus den Blautönen von Himmel und Meer — das Pigment ist der sündhaft teure Lapislazuli —, die rechte untere Hälfte ist in erdigen, natürlichen Braun- und Grüntönen gehalten. Beim Anblick der Verzweifelten springt Bacchus von seinem Wagen herab und scheint — zum Klang des Schellenschlags einer seiner Begleiterinnen — inmitten des Sprungs zwischen beiden Hälften des Bildes zu verharren. Es ist, als ob in Tizians ‚Bacchus und Ariadne‘ dieser Augenblick in alle Ewigkeit verlängert werden soll: Mitten in der Bewegung treffen sich die Blicke der beiden — und Tizian hält in seinem Gemälde die Zeit an. ‚Der Augenblick der Liebe‘ nannte Martin Walser einen seiner Romane, und passender als hier wäre er kaum zu bebildern.

Überdeutlich wird in Tizians ‚Bacchus und Ariadne‘ die Gegensätzlichkeit eröffnet, in der sich jeder Mensch bewegt: Das Geistige, Ätherische auf der einen, das Natürliche, Körperliche auf der anderen Seite. Ariadnes rein platonischer, unerfüllter Liebe zu Theseus mit den endlosen Blautönen der linken Hälfte stehen auf der rechten Seite für die enthemmte Körperlichkeit Bacchus und sein berauschtes Gefolge im Wald gegenüber. Drastischer als in den abgerissenen Körperteilen erlegter Wildtiere lässt sich derbe Fleischlichkeit kaum darstellen, Satyr und Silen ganz rechts sind in der griechisch-römischen Sagenwelt auch mit einschlägiger Symbolkraft ausgestattet. Wo nun ist zwischen dem Ätherischen und dem rein Körperlichen der Platz der Liebe? Sicher gehört sie beiden Welten an, ohne doch in beiden gleichzeitig beheimatet zu sein. Tizians ‚Bacchus und Ariadne‘ löst dieses Paradox mit einem Kunstgriff, der nur in einem Bild gelingen kann: Das Gemälde verortet die Liebe in einem Innehalten zwischen beiden Welten, in einem Sprung von der einen in die andere Sphäre, inmitten der Luft aufgehalten vom sich treffenden Blick zweier Menschen. Bacchus heiratete Ariadne und sie gebar ihm mehrere Söhne, doch die weitere Geschichte der beiden tritt zurück hinter der schwerelosen Anmut dieses winzigen Augenblicks.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar