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Ich kann meine Beine nicht mehr spüren! Tischbeins ‚Goethe in der Campagna‘ erschafft einen Olympier.

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ie irrationale Verehrung, die Goethe bis in unsere Tage hinein auch von Menschen erfährt, die nie eine Zeile seiner Werke gelesen haben, kommt nicht von ungefähr. Goethe hat zu seiner Zeit alles getan, um den eigenen Nachruhm dauerhaft zu befestigen. Hilfreich waren dabei befreundete Künstler wie der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, mit dem Goethe während seines Aufenthalts in Rom 1786 bis 1788 eine Wohnung teilte. Goethe hatte dem jungen Künstler das Rom-Stipendium vermittelt — und der bedankte sich mit dem monumentalen Gemälde ‚Goethe in der Campagna‘ — „wie er auf denen Ruinen sitzet und über das Schicksal der menschlichen Werke nachdenket“, also über die Vergänglichkeit aller Errungenschaften des Menschen sinnt.

tischbein-goethe-in-der-campagna Tischbeins ‚Goethe in der Campagna‘ drapiert den werdenden Dichterfürsten auf den Trümmern eines umgestürzten Obelisken, direkt hinter ihm sticht ein griechisches Marmorrelief ins Auge, das Iphigenie auf Tauris zeigt, Gegenstand eines Dramas Goethes, das 1779 uraufgeführt wurde und an dessen Überarbeitung Goethe während seiner italienischen Reise arbeitete. Den Hintergrund bildet eine Phantasielandschaft nach dem Vorbild der Campagna, die dargestellten Ruinen stammen aus den unterschiedlichsten Teilen des römischen Umlandes. Auffallend sind insbesondere das runde, festungsartige Grabmal der Caecilia Metella sowie die Reste eines Aquädukts rechts im Hintergrund. Bei dem fernen Höhenzug handelt es sich um die Sabiner oder Albaner Berge.

In mehr als Lebensgröße breitet Tischbeins ‚Goethe in der Campagna’ den zu Verherrlichenden aus, eine leichte Untersicht erniedrigt den Betrachter zusätzlich. Der riesige Schlapphut schafft eine Art Gloriole um das Haupt des Sinnenden, so tief und kraftvoll scheinen dessen Gedanken zu sein, dass sie sogar die Wolken über seinem Kopf vertreiben. Seit den 1840er Jahren, als Tischbeins ‚Goethe in der Campagna‘ erstmals öffentlich ausgestellt wurde, prägte das Gemälde das Goethebild nicht nur Deutschlands. Mehrere Kopien wurden angefertigt, durch Stiche erlangte es weite Verbreitung. Wer möchte da so kleinlich sein und bemängeln, dass Tischbeins Goethe zwei linke Füße besitzt und das linke Bein nur sehr vage mit dem restlichen Körper verbunden zu sein scheint? Niemand. Dort, wo Goethe seitdem weilt — auf dem Olymp — braucht er ohnehin keine Beine mehr.

-aldus



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