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aldus- Wer schaut hier wen lüstern an? Nach Jahrhunderten der Bevormundung dreht Tamara de Lempickas ‚Dormeuse‘ den kunstgeschichtlichen Spieß um.

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ie schlafende Frau ist eines der zentralen Sujets der bildenden Kunst. Seit der Antike begegnet es in unzählbaren Variationen — und wer weiß, ob nicht schon die steinzeitliche Venus von Willendorf eine schlafende Nackte ist. Zwei Begriffe spielen bei den allermeisten Darstellungen eine wichtige Rolle: Erotik und Ohnmacht, wobei sich das erste in gewissem Umfang aus dem zweiten ergibt: Der wache, aufmerksame, handlungsfähige Betrachter wird der handlungsunfähigen, wehrlosen, oft aufreizend hingestreckten Frau gegenübergestellt, die so fast zwangsläufig in die sexuelle Opferrolle gerät.

Ganz anders bei Tamara de Lempickas ‚Dormeuse‘ („Schlafende“) aus dem Jahr 1934. Gezeigt wird wie in all den Kunstwerken der vorangegangenen Jahrhunderte eine schlafende Nackte. Doch nichts ist, wie es war. Auch Lempickas ‚Dormeuse‘ ist sinnlich und attraktiv dargestellt, aber von einer Opferrolle ist bei ihr nicht das Geringste zu spüren. Hier herrscht nicht die übliche verlockende Schwüle, die Farbtemperatur des Bildes ist beinahe eisig, ein kühler, fast metallischer Schimmer liegt auf der Haut der Schlafenden, nur das absichtsvoll aufgetragene Rot der Lippen bringt etwas Wärme in das Gemälde. Nichts deutet auf die Hilflosigkeit einer Schlafenden hin: Die platinblonden Locken der ‚Dormeuse‘ sind millimetergenau drapiert, der Lippenstift präzise gezogen und voll präsent. Die Finger der linken Hand sind exakt nebeneinander angeordnet, die Rechte hängt scheinbar nachlässig herab, bildet tatsächlich aber eine höchst elegante Fortsetzung des Arms. Das alles lässt nur eine Deutung zu: Lempickas ‚Dormeuse‘ schläft nicht und schon gar nicht zur Erholung, es ist nur ein Halbschlaf oder eher der vorgetäuschte Schlaf einer Raubkatze — wie lauernd sind die üppig mit Lidschatten bedeckten Augen ein wenig geöffnet, kaum erkennbar angedeutet durch einen schmalen Streifen heller Farbe.

lempicka-dormeuse Die ‚Dormeuse‘ inszeniert sich in ihrer scheinbaren Hilflosigkeit als Herrin der Situation: Beherrscht, elegant, in aller scheinbaren Gelassenheit höchst präzise. Ihr Schlaf ist nichts anderes als Macht: Die Macht einer Souveränität, die vorgibt, die Umgebung nicht beachten zu müssen — wie sich Löwen nach der morgendlichen Jagd herausfordernd auf dem Rücken im Schatten wälzen, im sicheren Wissen, nichts und niemanden fürchten zu müssen. Und nicht nur in der arroganten Gelassenheit von Lempickas ‚Dormeuse‘, auch in ihrer Physiognomie liegt etwas Katzenhaftes, vor allem in der breiten, kantigen Nase, die unmittelbar in die Stirn übergeht: Ein roher Raubtierzug, der ebenso wie die fast absurd breiten Schultern den Betrachter davor warnt, in alte Deutungsmuster zu fallen.

Nicht nur kunstgeschichtlich wird hier ein neues Kapitel aufgeschlagen: Nach dem jahrhundertelangen Schlaf der Frau unter den Augen ihres männlichen Gebieters führt Lempickas ‚Dormeuse‘ eine grundstürzend abweichende Interpretation vor: Schlaf ist Macht. Und weibliche Macht kann bei aller entspannten Sinnlichkeit ebenso aggressiv und angriffslustig sein wie ihr männlicher Gegenpart. Dass sie dabei leise und gewandt auftritt, macht sie nicht schwächer. Im Gegenteil.

-aldus



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