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aldus- Weder Strebepfeiler noch Substruktionen: Karl Friedrich Schinkels ‚Gotischer Dom am Wasser‘ zeigt das wahre Fundament der gewagtesten Bauwerke.

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as Bezeichnende des gotischen Stils ist sein Aufwärtsdrang. Eine Architektur, die unbändig in schwindelerregende Höhen vordringt und selbst an der letzten, obersten Kreuzblume noch über sich hinausweist. Während Gebäuden der Antike stets etwas Ausgewogenes, Ruhendes innewohnt, will Gotik nichts von Maß und Bescheidenheit wissen: Auf ihrem Weg nach oben gibt es kein Halten.

schinkel-gotischer-dom-am-wasser In zahlreichen gotischen Kirchen und Kathedralen lässt sich der Aufwärtssog dieser Architektur noch heute spüren, doch nirgends findet sich dieser Stil so auf die Spitze getrieben wie in Karl Friedrich Schinkels Gemälde ‚Gotischer Dom am Wasser‘ (auch ‚Dom über einer Stadt‘). In dieser architektonischen Schwärmerei hat Schinkel, der vor allem durch seine Arbeit als Baumeister für das Königreich Preußen bekannt wurde, die für den gotischen Stil kennzeichnenden Elemente ins Phantastische übersteigert: Die Fassade des Bauwerks wird aufgelöst in ein filigranes Durcheinander aus Bögen, Pfeilern und Streben, ein Effekt, der durch die hinter dem Bauwerk befindliche Sonne noch verstärkt wird. Der Aufwärtsdrang von Schinkels Dom setzt der Schwerkraft nicht plumpe Masse entgegen (wie etwa die ägyptischen Pyramiden), sondern überlistet sie mit höchster Ingenieurskunst, die das Gebäude scheinbar aus sich selbst heraus in den Himmel wachsen lässt. Durch die fragile, lichtdurchtränkte Bauweise geht von dem Dom trotz seiner herausgehobenen Stellung auf einem Plateau über der Stadt nichts Bedrohliches aus, er dominiert nicht, erhebt keinen Anspruch auf irgend etwas außer den endlosen Himmel über ihm. Und diesem Anspruch gehen in Schinkels Gemälde selbst die Wolken aus dem Weg.

Dieses Streben ist im ‚Gotischem Dom am Wasser‘ jedoch nicht entrückt und abgehoben. Es ist verankert in der menschlichen Gemeinschaft. Geschickt bezieht Schinkel das Bauwerk des Doms auf die massive steinerne Säule über dem Anlegeplatz des Vordergrunds, die mit ihrer achteckigen Form und den massiven eisernen Ringen die Anstrengungen der Menschen um sie herum fast physisch bündelt. Jeder der Menschen im Vordergrund — Fischer, Bürger, Handwerker — steht in irgendeiner Beziehung zu dieser Säule. Und die Spitze dieser Säule liegt genau unter dem Punkt, an dem sich Längs- und Querschiff des Domes treffen, ihren achteckigen Grundriss teilt sie mit den mächtigen Türmen im Hintergrund.

Das Streben der Kunst, als dessen höchsten Ausdruck Schinkel den gewaltigen Bau des Doms stilisiert, ist nicht das Werk eines abseitigen Einzelnen, es erwächst aus dem menschlichen Miteinander, ist „Zentralpunkt aller höheren Kunstbetriebsamkeit des Landes, in dem alle vorzüglichen Künstler vereint sind“ (Schinkels Denkschrift zum Freiheitsdom, 1814). Das Original des Gemäldes verbrannte 1931, doch auch in der Kopie von Karl Eduard Biermann (heute Neue Pinakothek, München) wird das Anliegen des ‚Gotischen Doms am Wasser‘ deutlich: Noch der luftigste Entwurf, das ehrgeizigste Streben braucht ein Fundament in Bodennähe — in der menschlichen Gemeinschaft.

-aldus



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