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Was ist Schönheit und was verschweigt sie uns? Sandro Botticellis ‚Venus‘ bebildert die Leerstelle im Ziel menschlichen Strebens.

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ann ein Gemälde den eigenen Ruhm überleben? Unzählige Abbildungen in Bildbänden, auf Tassen und T-Shirts? Den Einsatz als Bildschirmhintergrund, als Vorlage für Parodie und Satire und auch die endlosen Schlangen von Touristen, die tapfer abwarten, bis sie wenige Sekunden das Original in Augenschein nehmen dürfen? Im Fall von Sandro Botticellis ‚Venus‘ ist die Frage ganz klar mit Ja zu beantworten. Das Gemälde fasziniert bis zum heutigen Tag, und das ohne jedweden Kommentar aus einem „Audioguide“ oder dem Mund eines Museumsführers.

botticelli-venus Natürlich ist es gut zu wissen, dass Botticellis ‚Venus‘ (häufig: ‚Geburt der Venus‘, früher ‚Venus die dem Meer entsteigt‘) auf die griechische Mythologie zurückgeht, der zufolge Venus / Aphrodite, Göttin der Schönheit und Liebe, aus einer Muschel geboren und vom Westwind Zephyr an die Gestade Zyperns getrieben wurde, um dort von den Horen, Göttinnen der Jahreszeiten, in Empfang genommen zu werden. Ebenfalls ist interessant zu erfahren, dass Botticellis ‚Venus‘ eine der ersten Verherrlichungen weiblicher Nacktheit seit der Antike darstellt, manch einer übersieht beim ersten Betrachten auch die anatomischen Unkorrektheiten, die sich Botticelli bei Hals und Schultern seiner Venus zuschulden kommen lässt. Doch all das lenkt nur ab vom eigentlich Meisterhaften dieses Werks.

botticelli-venus-2 Denn wenn man alles Mobiliar historisch-mythologischer Interpretation beiseite räumt, was bleibt? Der Inbegriff der Schönheit, umgeben von (allegorischen) Menschen, die sich um sie bemühen. Der Westwind links bläst mit ernstem Gesicht und vollen Backen, mit aller Macht auf die Venus zustrebend. Die weibliche Gestalt an seiner Seite (die Göttin Aura, oder, nach anderer Deutung, die Nymphe Chloris) scheint den Blick nicht abwenden zu können, der Mund steht ihr im Erstaunen offen. Die Hore rechts wirft mit ausgreifender Gebärde einen reichgeschmückten Mantel über die Göttin, ein Zeichen respektvollen Willkommens. Im Mittelpunkt all dieses umständlichen Tuns, dieses „großen Bahnhofs“, wie es die wilhelminische Ära für umständliche Empfänge wichtiger Persönlichkeiten auf den Punkt brachte, steht Botticellis Venus seltsam unbeteiligt, nur beiläufig verschämt und in ihrem Gesicht ein Ausdruck tiefgründigster Versonnenheit, ja, Trauer. Und das ist das eigentlich Faszinierende dieses Gemäldes: Diese Göttin der Schönheit und Liebe hält nicht etwa triumphierend Einzug, lächelt nicht verführerisch oder abgründig im Wissen um ihre beinahe unumschränkte Macht. Nein. Im Auge des von Botticelli entfachten Begeisterungssturms ist es völlig ruhig, seine Venus scheint in stilles, traurig anmutendes Nachdenken versunken.

In Botticellis ‚Venus‘ ist das Grundbemühen menschlicher Existenz — das um Schönheit, was im Detail das auch immer sein mag — auf zwingende Weise ins Bild gesetzt. Doch der Künstler geht einen entscheidenden Schritt weiter und fragt nach der Schönheit selbst. Wer sein Werk aufmerksam betrachtet, versteht: Sie ist uns ausgeliefert, schutzlos, nackt, zerbrechlich. Genau das scheint Botticellis Venus auch zu ahnen. Doch darüber hinaus liegt ein Geheimnis in ihren Zügen, das letztlich unauflösbar bleibt. Was ist Schönheit und woher rührt ihre Macht über uns? Diese Frage stellt Botticellis Venus auf faszinierend eindringliche Weise. Eine Antwort bleibt sie schuldig — und das ist das Schöne an ihr.

-aldus



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