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Das Drama des Leibes. Peter Paul Rubens‘ ‚Raub der Töchter des Leukippos‘ geht unter die Haut.

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ie Begeisterung Peter Paul Rubens‘ für den menschlichen Leib in seiner ganzen Lebensfülle ist bekannt und hat bis in heutige Tage einem ganzen Typus Frau den meist selbstgewählten Namen geschenkt („Rubensmann“ ist dagegen weniger verbreitet). Doch Rubens war es nicht nur um die reine, üppige Fleischlichkeit des Körpers zu tun, wie kaum ein zweiter hat er es auch verstanden, Kraft und Ausdrucksreichtum des Leibes auf die Leinwand zu bannen — und vor allem das, was im Körperlichen zum Ausdruck kommt. Ein bestechendes Beispiel für diese Meisterschaft ist Rubens‘ ‚Raub der Töchter des Leukippos‘. Es zeigt die Entführung der Königstöchter Hilaeira und Phoibe durch die Dioskuren Kastor und Pollux. Der sterbliche Kastor trägt eine Rüstung, der Halbgott Pollux, Sohn des Zeus, ist mit nacktem Oberkörper dargestellt. Zu erkennen sind außerdem zwei geflügelte Liebesgötter, die sich beim Halten der Zügel den Dioskuren nützlich machen — eine süffisante, wohl eher an ein männliches Publikum gerichtete Fußnote, unterstützt noch durch das wissende Lächeln der linken Amorette, die so den Betrachter zum Komplizen ihres Einverständnisses zu machen scheint.

peter-paul-rubens-raub-der-toechter-des-leukippos Trotz dieser augenzwinkernden Sanktionierung von Gewalt im Auftrag der „Liebe“ wird in Rubens‘ ‚Raub der Töchter des Leukippos‘ alles darangesetzt, die Dramatik des Vorgangs herauszustellen. Unentwirrbar sind die Leiber ineinander verkeilt, Pferde und Menschen bilden einen kompakten Block aus Fleisch und Muskeln, Kraft und Gegenkraft. Der Umriss dieses Gebildes ist in etwa kreisförmig, durchzogen wird das Rund von zwei Diagonalen, die sich in der Mitte des Gemäldes zwischen den beiden Töchtern treffen. Erzielt hat Rubens durch diese Anordnung den Eindruck einer extremen Verdichtung, in der trotzdem die wirkenden Kräfte klar erkennbar bleiben. Der Vorgang der Entführung wird so konzentriert in einem einzigen Bild, einem einzelnen, höchst intensiven Augenblick des Zupackens, dessen Dramatik im Durcheinander der Blickrichtungen noch gesteigert wird.

Anders als einzelne Interpretationen, die hier — ganz im Sinne der Liebesgötter — einen gewissen Konsens der Entführten feststellten, ist die Not der Töchter unzweideutig festgehalten. Vor allem der Blick der unteren Tochter spricht von der Verzweiflung der Frauen, beide greifen unwillkürlich nach rechts aus, in Richtung der untergehenden Sonne, doch von links zieht finsteres Gewölk auf, das im dramatisch gebauschten Umhang Kastors fortgesetzt wird.

Das kirchliche Denken hat den Körper und sein Fleisch meist als das Gegenteil der eigentlichen Kraft des Menschen — Geist und Wille — abgetan. Wie auch in anderen seiner Gemälde ist Rubens jedoch Fleisch hier nichts anderes als der sichtbare Wille des Menschen, und das eigentliche Drama findet in dieser Entführungsszene, wie so oft, in den Köpfen der Dargestellten statt. Der Tumult aus Willen und Widerwillen, den Rubens‘ ‚Raub der Töchter des Leukippos‘ auftürmt, ist ein bestechendes Bild für die Aufruhr einer menschlichen Seele — und der Maler hat alle Seiten zu ihrem Recht kommen lassen. Er mag den Siegern die Zügel halten und ihre zupackende Kraft herausstellen, doch das überwältigende Drama des Bildes stemmen allein die Muskeln der Besiegten.

-aldus



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