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Sein Name ist gleichbedeutend mit der Freude an üppiger Körperlichkeit. Doch in seinem ‚Höllensturz der Verdammten‘ zeigt Peter Paul Rubens, dass nicht der Leib das letzte Wort hat.

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er Beitrag Peter Paul Rubens‘ zur Gegenwartskultur besteht wohl nicht zum kleinsten Teil in dem Schönheitsideal, das man aus seinem Werk abgeleitet hat: Unter Begriffen wie „Rubensfrau“ oder „Rubensfigur“ können sich auch Zeitgenossen etwas vorstellen, die sonst mit Kunstgeschichte nicht allzuviel am Hut haben. Tatsächlich war Rubens einer der ersten Maler, die seit der Antike die Schönheit des menschlichen Körpers  in seiner unverhüllten Nacktheit feierten. Die relative Üppigkeit der von ihm dargestellten Leiber verdankt sich dabei wohl in erster Linie den Umständen der Zeit Rubens‘, in der ein Überangebot an Nahrungsmitteln nicht wie heute selbstverständlich war, sondern nur der wirtschaftlichen Elite zur Verfügung stand. Insbesondere während des Dreißigjährigen Krieges (1618—1648) dürfte sein Schönheitsideal nicht breite gesellschaftliche Realitäten, sondern nur die Möglichkeiten einer winzigen Führungsschicht widergespiegelt haben.

rubens-hoellensturz In seiner Verherrlichung des wohlgenährten Körpers ist Rubens konsequent: Schon die Zeitgenossen bewunderten die Hingabe, mit der Rubens das Fleischliche in Szene setzte, ihm mit einem charakteristisch leuchtenden Inkarnat zu unnachahmlicher Präsenz verhalf und dabei realistische Detailtreue mit metaphorischer Überhöhung in Einklang brachte. Aus zahllosen Gemälden spricht sein tiefes Verständnis für die Proportionen und künstlerischen Aussagemöglichkeiten des nackten Körpers, schlicht seine Vernarrtheit in dessen Pracht. Und doch gibt es ein Werk, in dem all dies im wahrsten Sinne des Wortes zur Hölle fährt: Rubens‘ ‚Höllensturz der Verdammten‘.

Entstanden um das Jahr 1620 im Auftrag Wilhelms von Zweibrücken, des Grafen von Pfalz-Neuburg, stellt Rubens‘ ‚Höllensturz‘ ein häufig interpretiertes Motiv der abendländischen Kunst dar, die Verdammung der Sünder im Jüngsten Gericht. Am oberen Bildrand des ‚Höllensturzes‘ ist der Erzengel Michael zu erkennen, der mit flammendem Schwert und leuchtendem Schild eine unübersehbare Masse nackter Leiber in Richtung Hölle schleudert. Noch im Fall werden die Sünder von grausigen Fabelwesen malträtiert, am unteren Bildrand lassen die von Entsetzen verzerrten Gesichter der Gefallenen die namenlosen Qualen des höllischen Abgrunds erahnen. Virtuos macht Rubens hierbei die fleischliche Schwere der Leiber geradezu spürbar: Wie ein menschlicher Wasserfall strömen die Verdammten unbeholfen in Richtung des Höllenschlunds, während die Schwerkraft gegenüber den höllischen Wesen machtlos bleibt: Behende umflattern sie die Hilflosen, um ihnen fast nebenbei drastisch dargestellte Bisse und Hiebe zu verpassen. Besonders hoffnungslos wird das dramatische Geschehen durch die Abwesenheit der Figur Christi als Weltenrichter, die in traditionelle Darstellungen die Perspektive einer möglichen Rettung einbrachte. Schließlich unterstreicht das gewaltige Format des ‚Höllensturzes‘ seine Wirkung: Mit seinen fast drei Metern Höhe droht es, den vor ihm Stehenden geradewegs mitzureißen.

Rubens‘ ‚Höllensturz‘ spielt in seiner Verdammnis des sündigen Fleisches eine Sonderrolle im Werk des Malers, der sonst in Schönheit und Unbefangenheit des menschlichen Körpers schwelgt. Doch es ist ein notwendiges Korrektiv, eine tiefgründige Fußnote des Künstlers, der immer wieder auch dem christlichen Glauben eine wichtige Stellung in seinem Werk eingeräumt hat: Der Körper ist nur eine Hülle. Hinter all den Fleischmassen, verrenkten Glieder und hilflosen Leibern des ‚Höllensturzes‘ erkennt der Betrachter, was eine Seele sein kann. Oder besser: dass sie sein muss.

-aldus



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