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Träumen Comicfiguren in vier Farben? Roy Lichtensteins ‚Maybe‘ verteidigt die Schönheit der modernen Welt.

M

an hat sie die „Mona Lisa der Neuzeit“ genannt, die berühmte namenlose Blonde aus Roy Lichtensteins ‚Maybe‘ (auch ‚M-Maybe‘ oder ‚A Girl’s Picture‘) — und der Vergleich hinkt weniger, als man zunächst vermuten könnte. Beide Frauen faszinieren in geheimnisvoller Schönheit, über beide wissen wir so gut wie nichts, beide sind scheinbar allgegenwärtig. Aber, natürlich: die Technik! Leonardo da Vincis Ölgemälde zeigt in vollendeter Meisterschaft den unnachahmlichen Stil des Künstlers, Lichtensteins ‚Maybe‘ dagegen ist die bloße Reproduktion eines bestehenden Comic-Bildchens in vier Farben mit grobem Punktraster. Und damit sind wir im Herzen der Fragestellung, die Lichtensteins ‚Maybe‘ aufwirft: Ausdrücklich stellt der Künstler die grobe Reproduktionstechnik des Comic-Strips heraus — ‚Maybe‘ ist in seiner Ursprungsfassung ein großformatiges Gemälde —, um nach den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu fragen. Comics wurden seit ihrem Bestehen als minderwertige Lektüre abgetan, mit wenigen Farben auf billiges Papier gedruckt. Doch was, wenn sie ihren Leser trotzdem berühren?

roy-lichtenstein-maybe Der amerikanische Autor Philip K. Dick betitelte einen seiner Romane „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ — und die Frage führt den, der ernsthaft über sie nachdenkt, unweigerlich zu einer viel tiefer gehenden Frage: „Was ist menschlich?“ Philip K. Dick legte die Folgerung nahe, für die moralischen und intellektuellen Qualitäten eines Menschen sei es unerheblich, ob er aus Kunststoff oder Fleisch besteht. Roy Lichtensteins ‚Maybe‘ führt uns in gleicher Weise vor Augen, wie sehr wir uns von der Oberfläche, dem Material einer Sache beeindrucken lassen. Man hat Roy Lichtenstein oft nachgesagt, mit seinen großformatigen Reproduktionen von Comics und Werbeanzeigen die Oberflächlichkeit der modernen Konsumwelt geißeln zu wollen. Aber wäre das nicht ein wenig billig? Beanspruchten in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Comics und Anzeigen vielleicht künstlerischen Wert? Natürlich nicht. Und warum sollte man etwas auf das Hundertfache seiner ursprünglichen Größe aufblasen und in Öl malen, nur, um es in seiner Bedeutungslosigkeit bloßzustellen?

Man dürfte dem Wesen von Lichtensteins ‚Maybe‘ wie auch dem seines Gesamtwerks näherkommen, wenn man ihm etwas unterstellte, das noch jeden bedeutenden Künstler auszeichnete: Hochachtung vor seinem Objekt. ‚Maybe‘ macht sich nicht über ein bedeutungsloses Blondchen in der Großstadt lustig, das möglicherweise von seinem Liebhaber versetzt wurde. Es mokiert sich nicht über die Platitüden der Comic-Strips mit ihren immer gleichen Geschichten. Es greift ein Bild aus diesem unendlichen Fluss von Bildern heraus und verleiht ihm im Akt des Herausgreifens und durch die Vergrößerung etwas, das ihm in den Augen des Künstlers zusteht: Würde. Wer Schönheit, Verlorenheit und Anmut nicht hinter einem mechanischen Punktraster erkennt, der wird sie auch nicht hinter Schichten altmeisterlich aufgetragener Ölfarbe erkennen.

Unbeeindruckt von all dem überheblichen Dampfgeplaudere über unsere angeblich so verkommene, schnelle und oberflächliche Konsumwelt bezieht Lichtensteins ‚Maybe‘ eine klare Position: Die moderne Welt — mit ihren Wegwerfverpackungen, Punktrastern und dem billigen Papier — mag anders sein als die vorangegangenen Welten. Aber sie ist unsere Welt. Und sie ist wunderschön.

-aldus



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