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Ein Blick ins Herz des Betrachters. Ilja Repins ‚Wolgatreidler‘ zielt auf den Ausgangspunkt jeder Weltverbesserung.

G

ibt es so etwas wie „politische“ Kunst? Sollte Kunst nicht frei flottierend über allem Materiellen und Gesellschaftlichen schwebend sich allein den höchsten und letzten Dingen widmen? Die Wahrheit ist: Kunst kann nicht anders, als immer auch politisch zu sein. In dem, was sie zeigt — aber auch in dem, was sie nicht zeigt. Das Herrscherportrait, jahrhundertelang eines der wichtigsten Sujets der bildenden Kunst, ist politisch gleich in zweierlei Hinsicht: In der Verherrlichung des Abgebildeten und im gleichzeitigen Schweigen über die Lebensumstände seiner Untertanen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauerte es, bis die Künstler es wagen konnten, den Zaum dieser Instrumentalisierung durch die Herrschenden abzulegen. Einen der wichtigsten Schritte im Verlauf dieser Emanzipation stellt Ilja Repins ‚Wolgatreidler‘ dar.

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Das Gemälde zeigt in ungeschöntem Realismus eine Gruppe Männer, die an der Wolga ein Schiff flussaufwärts ziehen — ein bis in die Anfänge des Dampfzeitalters hinein praktiziertes Verfahren. Seine starke Wirkung auf den Betrachter erzielt das Gemälde vor allem durch die genaue und lebensnahe Ausarbeitung der Männer, die nicht als gesichtsloser Trupp dargestellt sind, sondern als Gemeinschaft von Individuen, als Bündelung von Lebensgeschichten, die alle zu diesem einen Tau führten. Jeder einzelne von Repins Wolgatreidlern ist eine Persönlichkeit ganz eigener Ausstrahlung und jeder reagiert auf die unbarmherzige Mühsal auf andere Weise: Verbitterung, Verzweiflung, Müdigkeit bis zur völligen Erschöpfung — präzise hat Repin die unterschiedlichen Gemütslagen und Verfassungen festgehalten. In der Mitte der Gruppe ist einer der Wolgatreidler herausgehoben, und seine Figur berührt vielleicht am meisten: Er ist deutlich jünger als seine Leidensgenossen, seine Haut hat noch nicht die von Sonne, Wetter und Schmutz herrührende dunkelbraune, fast schwarze Färbung angenommen. Er scheint sich noch nicht recht in sein Joch hineingefunden zu haben, irritiert zerrt er an seinem Brustgurt herum. In seinem Gesicht zeigt sich etwas wie ein widerwilliges Staunen, als könne er es immer noch nicht begreifen, wie er in diese bittere Lage geraten konnte. Einige Jahre, das insinuiert Repins Werk, und er wird von der gleichen hoffnungslosen Gewissheit erfüllt sein, die seine Gefährten beinahe eins mit ihrem Gurt werden lässt.

Repins ‚Wolgatreidler‘ sind eine Anklage. Ihre zerlumpte Kleidung und die wettergegerbten Gesichter voller Verzweiflung lassen keinen Betrachter unberührt, früheren Zeiten wird auch eine wichtige Assoziation nähergelegen haben als uns Heutigen: die mit Christus, der sein Kreuz trägt. Natürlich sind Repins ‚Wolgatreidler‘ kein politisches Pamphlet, der Künstler ruft nicht zum Umsturz auf oder fordert vom Betrachter, sein Gut für die Bedürftigen herzugeben. Doch einer seiner Treidler schaut den Betrachter direkt an. Und diesen Blick muss man aushalten können.

-aldus



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