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aldus- In unserer Zeit spiritueller Beliebigkeit ist kaum etwas verstörender als die Gewissheit, mit der frühere Generationen glaubten. Rembrandts ‚Verlorener Sohn’ hat uns mehr zu sagen, als wir hören wollen.

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eligiöse Kunst steht nicht hoch im Kurs. Der Gegenwart ist die individuelle Freiheit das wichtigste Gut, metaphysische Orientierungslosigkeit wird da beinahe zur Pflicht. Klare Glaubensbekenntnisse werden im besten Fall milde als Relikte vergangener Jahrhunderte belächelt, weniger toleranten Mitmenschen sind sie nachgerade Akte anrüchiger Propaganda. Das alles jedoch nimmt religiöser Kunst nichts von ihrer Intensität auch für uns Heutige: Dem Kölner Dom etwa, einer Bachfuge oder Rembrandts ‚Die Rückkehr des verlorenen Sohnes’.

rembrandt-verlorener-sohn Die Geschichte des Lukasevangeliums ist altbekannt: Ein Sohn lässt sich von seinem Vater das Erbe ausbezahlen, führt ein Leben in Saus und Braus und kehrt, als das Geld verprasst ist, reumütig an den väterlichen Hof zurück. Der Vater vergibt ihm seinen Lebenswandel und nimmt ihn in allen Ehren wieder auf. Den Einwänden des älteren Sohnes, der am Hof geblieben war, entgegnet er: „Du bist immer bei mir gewesen, was mein ist, ist dein. Freue dich über die Rückkehr deines Bruders, der tot war und wieder lebendig geworden ist.“

Rembrandts ‚Verlorener Sohn’ zeigt den bestimmenden Augenblick der Geschichte, als der Vater den in Lumpen heimkehrenden Sohn dankbar und voller Liebe in die Arme schließt. Das Gesicht des Sohnes ist im Halbdunkel nur schemenhaft zu erkennen, doch der Ausdruck des Vaters ist von einer Fürsorglichkeit, Weisheit und Güte, die das ganze Bild ausfüllt, auch wenn seine Figur nur einen geringen Teil des Gemäldes ausmacht. Von der Missgunst des Bruders oder des Hausgesindes ist bei Rembrandt nichts zu erkennen, im Licht dieser väterlichen Liebe bleibt ihnen nur stille Bewunderung.

Natürlich kann man versuchen, dem Bild eine weltliche Deutung überzustülpen, es als Loblied auf die Liebe im allgemeinen und die Elternliebe im besonderen sehen. Doch es ist offenkundig, wie verkürzt das Bild auf diese Weise wahrgenommen wird. Denn dieses Werk ist weit mehr als ein „Ach, die Liebe!“ oder „Kinder sind doch das Wichtigste auf der Welt!“ Es ist auch mehr als eine Kurzfassung des Neuen Testaments. Denn es spricht von nicht weniger als dem Zuhause des Menschen, nicht dieses Sohns oder aller Kinder oder dem reuiger Sünder, sondern vom Zuhause aller Menschen. Von dem Zuhause in Gott, das jeder hat, auch wenn er davon nichts wissen will. „Hier ist der Ort, an den du gehörst, an dem du aufgenommen wirst, was auch immer du getan haben magst.“ Die Gegenwart hat aufgehört, Gott als diesen Ort zu sehen, aber sie hat nicht aufgehört, nach diesem Ort zu suchen. Rembrandts ‚Verlorener Sohn’ hat unserer voranstürmenden Zeit nichts anderes zu sagen, als dass unser Ziel auf dem Weg weit hinter uns liegt. Das mag nicht jedem gefallen, aber es hilft nichts. An diesem Bild haftet kein Zuckerguss.

-aldus



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