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Die Pracht des Menschlichen. Rembrandts ‚Christus nach dem Leben‘ schmückt sich mit Wertvollerem als Gold.

M

ehr als anderthalb Jahrtausende sollte es in der bildenden Kunst dauern, bis Jesus wieder zu dem wurde, was er war und was den Inbegriff seines Wesens ausmacht: ein Mensch. Nach den blattgoldlastigen Überhöhungen und Typenbildern der vorangegangenen Jahrhunderte ist Rembrandts ‚Christus nach dem Leben‘ (auch ‚Christuskopf‘ genannt) das erste Bild, das diese Seite des Erlösers zum eigentlichen Darstellungsinhalt macht. Wie der Titel schon aussagt, hat Rembrandt für dieses Gemälde tatsächlich ein Zeitgenosse Modell gesessen (dies schon höchst ungewöhnlich, um es gelinde auszudrücken), und zwar ein Mensch jüdischer Abstammung — in Zeiten eines weitverbreiteten Antisemitismus für viele geradewegs ein Skandalon. Auch Rembrandt selbst hatte in früheren Gemälden die Physiognomie jüdischer Modelle nur in negativem Zusammenhang, etwa bei der Darstellung der Hohepriester angewandt. Nachdem er zu einigen Juden seiner Nachbarschaft engeren Kontakt fand, änderte sich jedoch seine Einstellung — eine Entstehungsgeschichte, die einer Christusdarstellung zu echter Ehre gereicht.

rembrandt-ein-christus-nach-dem-leben-christuskopf Rembrandts ‚Christus nach dem Leben‘ schließt in einigen Punkten eng an die Tradition früherer Darstellungen an — der Bart, die ebenmäßigen Gesichtszüge —, neu ist jedoch die konsequent realistische und menschliche Darstellung Jesu, die weit über das Weglassen des früher obligatorischen Heiligenscheins hinausgeht: Das Haar ist lebensecht nachgebildet, sogar einige graue Strähnen scheint man ausmachen zu können, der Bart ist ein wenig unregelmäßig und stellenweise auch etwas dünn, vor allem aber vermittelt die Malweise der Haut sofort den Eindruck, hier einen Menschen aus Fleisch und Blut vor sich zu haben. Sie wirkt leicht durchscheinend, bedeckt von einer unregelmäßigen Röte, um die Augen zeigen sich Schatten, teilweise nimmt man einen geringen Fettglanz wahr; der in den Glanzpartien der Haut eingesetzte pastose Farbauftrag unterstützt noch diese unmittelbare Wirkung von lebensechter Materialität.

Was sich aus den Details der Darstellung ablesen lässt, zeigt sich auch in der unmittelbaren Anmutung: Rembrandts ‚Christus nach dem Leben‘ ist kein Schema, kein Typ, kein Staats- und Repräsentationschristus, sondern ein Mensch mit eigenem Innenleben. Er strahlt keine überlegene Sicherheit, keinen Herrschaftsanspruch aus, wie frühere Bilder, die ihm zur Verdeutlichung seiner Macht gern auch gleich noch ein Schwert in den Schoß legten. Rembrandts Christus strahlt Einfühlung aus, echte Güte und eine gewisse Nachdenklichkeit, die unmittelbar begreifen lässt, das Jesus nicht Gott in einem Menschenkörper war, sondern Gott tatsächlich als — Mensch. Und kein Blattgold, kein Herrschaftsattribut kann diese Pracht ersetzen.

Aldus



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