rembrandt-philosoph-thumb

Im Kreisverkehr. Rembrandts ‚Philosoph‘ geht den Weg allen Seins.

D

ie Neuzeit hat den Berufsstand des Philosophen im Elfenbeinturm verortet — fern aller Lebenswirklichkeit in den luftigen Höhen des Geistes zur Wahrheit emporstrebend. Auf den Arbeiten der früheren Denker aufbauend eröffnet der Philosoph dem menschlichen Geist immer neue Räume, führt er die Gattung in immer lichtere Gefilde immer reineren Wissens. Soweit das Ideal. Rembrandts ‚Philosoph‘ (auch ‚Meditierender Philosoph‘) zeichnet ein sehr viel differenzierteres — und möglicherweise auch realistischeres Bild. Und das, obwohl zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes die neuzeitliche Philosophie erst an ihrem Anfang stand.

rembrandt-philosoph Rembrandts ‚Philosoph‘ zeigt einen bärtigen alten Mann im Gewand eines Gelehrten an einem Fenster, vor ihm ein Tisch mit verschiedenen Schriften. In seinem Rücken windet sich eine enge Treppe empor, am rechten Bildrand schürt eine alte Frau ein Feuer. Die naheliegendste Interpretation wäre, in den steilen Stufen die Aufwärtsbewegung des denkenden Geistes zu sehen, doch das satte Schwarz, in das sie führen, lässt den Weg dann doch als wenig erkenntnisfördernd erscheinen. Andere haben in dem Gemälde eine Allegorie des neuzeitlichen Philosophen erkennen wollen, der sich vom Licht der Welt — also der unmittelbaren Anschauung der Empirie — erleuchten lässt.

Doch bei näherem Hinsehen verbildlicht Rembrandts ‚Philosoph‘ keine wie auch immer geartete zielgerichtete Bewegung der Gedanken — dargestellt ist ein rätselhafter Kreisweg (betont durch das Rund des Gemäldes und den kreisförmigen Gegenstand in seiner Mitte), der in sich schon eine philosophische Stellungnahme beinhaltet. Bestimmt wird das Bild vom gleißenden Licht des Fensters und dem tiefen Schwarz des oberen Treppenteils. Die Welt, auch die der Gedanken, beginnt mit der Unterscheidung von Sein und Nichts. Zwischen diesen Polen errichtet Rembrandt seinen Weg, und er führt nur zum Schein in die Höhe. Denn die Holztreppe endet nach einer Drehung und führt in tiefstes Schwarz, das wieder herabführt zur Kellerluke direkt hinter dem Philosophen. Von dort beginnt der Weg aufs neue die Treppe hinauf. Wie in einer Mühle halten so Licht und Dunkelheit, Sein und Nichts die Welt und das Denken über sie in endloser Bewegung. Im Maschinenraum dieses Perpetuum Mobile hat Rembrandt dabei die feuerschürende Alte verortet. Denn ohne die seit Jahrtausenden ungebrochene Tradition dieser Tätigkeit wäre der Ofen der Philosophie schon lange aus. In der Ablehnung kalter Füße nämlich sind sich die Vertreter aller Denkschulen einig.

Aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar