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Liebe? Welche Liebe? Raffaels ‚Triumph der Galatea‘ trifft eine Unterscheidung.

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raffael-triumph-der-galatea-1 s ist eines der berühmtesten Werke des Künstlers und auf den ersten Blick wohl auch eines seiner rätselhaftesten. Raffaels ‚Triumph der Galatea‘, entstanden als Fresko in der Villa Farnesina in Rom für einen der reichsten Männer der Zeit, den toskanischen Bankier Agostino Chigi. Dargestellt ist die Seegöttin Galatea (auch Galathea / Galateia geschrieben, griechisch für „die Milch-Weiße“), eine Nereide, also Tochter des Meeresgottes Nereus. Das Fresko nimmt Bezug auf ein Motiv der altgriechischen Literatur: Der ungeschlachte, einäugige Riese Polyphem warb hartnäckig um die Liebe der schönen Galatea, mit Gesang und dem Spiel seiner Flöte, jedoch ohne Erfolg. Bekannt ist Polyphem vor allem aus den Geschichten um Odysseus, der sich die Verliebtheit des Riesen in einer List zunutze machte. Als sich Galatea ihrerseits in den jungen Hirten Acis verliebte, wurde dieser vom eifersüchtigen Polyphem mit einem Felsblock zerschmettert. In einem Wandfeld links von Raffaels ‚Triumph der Galatea‘ hat der Auftraggeber vom Künstler Sebastiano del Piombo den unglücklichen Polyphem malen lassen — die Bilder sind getrennt, werden aber von der gemeinsamen Wasserfläche verbunden —; traurig schaut hier der Einäugige seiner Geliebten nach, Syrinx und zum Gesang geöffneter Mund weisen auf seine werbenden Bemühungen hin.

raffael-triumph-der-galatea-2 Raffaels ‚Triumph der Galatea‘ zieht gewissermaßen eine Summe aus dem umfangreichen, von verschiedensten Dichtern der Antike und Renaissance aufgegriffenen Motivmaterial um Galatea. Die Gestalt der Seenymphe bildet den Mittelpunkt des Bildes, sie steht in einer von Delphinen gezogenen Muschel, rings um sie herum sind Kentauren und Seejungfrauen in amouröse Handgreiflichkeiten verwickelt. Nach dem Willen der Galatea umgebenden Eroten, kleinen, geflügelten Liebesgöttern, soll die Seenymphe wohl auch selbst bald in ein Liebesabenteuer verstrickt werden: Drei Amoretten schweben über dem Haupt der Nymphe und zielen mit ihren Bogen nach ihr — ohne Erfolg, denn keiner zielt genau. Ein weiterer Liebesgott hält mit finsterer, entschlossener Miene hinter einer Wolke am linken oberen Bildrand weitere Munition bereit, ein fünfter fällt den Delphinen der Seegöttin in die Zügel, wohl, um deren rasche Fahrt zu stoppen und so Galatea zu einem leichteren Ziel für seine ungeschickten Gefährten zu machen.

raffael-triumph-der-galatea-3 Doch alles vergebens. Raffaels Galatea fährt unbehelligt durch den Tumult aus Liebenden und Liebesgöttern, ihr Blick in höhere Sphären gerichtet. Die Liebe, die sie wollte, ist zerschmettert, die Liebe, die ihr von Polyphem angetragen wird, verschmäht sie. Doch Raffaels ‚Triumph der Galatea‘ macht aus der abweisenden Haltung der Nymphe kein trotziges Verweigern oder eine wilde Flucht, sondern zeigt sie vom Treiben um sie herum völlig unberührt, sie scheint das Getümmel nicht einmal wahrzunehmen, während ihre Gedanken ganz offensichtlich an einem anderen Ort sind. Am linken und rechten Bildrand verkünden derweil zwei Meereswesen mit ihren Instrumenten den Ruhm der Seegöttin. Gibt es etwas Höheres als Liebe? Jedenfalls etwas Höheres als die grob zupackende Liebe, die Galatea umgibt, das macht Raffaels Fresko klar. Das Festhalten an einer unmöglichen, rein geistigen Liebe muss keine fixe Idee, keine abwegige Schrulle sein, auch sie hat eine Berechtigung. Ist Raffaels ‚Triumph der Galatea‘ also eine Verherrlichung der platonischen Liebe? Das Werk lädt nicht zu einseitiger Interpretation ein, doch es hat eine klare Botschaft: Zu welcher Art Himmel man auch aufschauen möchte — die Erde ist nicht der einzige Ort, an dem geliebt wird. Und jedenfalls nicht der höchste.

Aldus



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