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Alle kennen dieses Gemälde. Und doch nicht die meisten. Raffaels ‚Sixtinische Madonna‘ verdient mehr als einen zweiten Blick.

J

eder ernsthafte Kunstliebhaber müsste dieses Bild eigentlich hassen. Furchtbar allgegenwärtig sind die zwei Engelsfiguren am unteren Bildrand — begegnen auf Postkarten, Aufklebern, Keksdosen, Toilettenpapierhaltern … vor ihrer Putzigkeit gibt schlicht kein Entkommen. (Neben zahllosen anderen existiert auch eine Version von Ernie und Bert in ihren Posen.) Dabei sind sie die einzige Spur von Leichtigkeit in einem Bild, das sonst alles andere als unbekümmert ist.

Seine ‚Sixtinische Madonna‘ schuf Raffael im Auftrag Papst Julius‘ II. für die Klosterkirche San Sisto in Piacenza, heute befindet sich das Gemälde in der Dresdner Galerie Alte Meister. Dargestellt sind neben der Madonna mit dem Jesuskind der frühchristliche Papst Sixtus II. (gestorben 258) und die Heilige Barbara — beider Gebeine wurden in San Sisto als Reliquien verehrt.

raffael-sixtinische-madonna Niemand in diesem Gemälde lächelt, über allem liegt ein tiefer Ernst, zusätzlich fällt besonders an der Figur des Papstes (der die Züge Julius II. trägt) ein schonungsloser Realismus auf: Raffael stellt das Kirchenoberhaupt nicht verklärt dar, sondern als Alten mit zauseligem Bart, die Tiara abgesetzt sein kahles Haupt entblößend. Das Jesuskind schaut nachgerade ängstlich und drückt seinen Kopf schutzsuchend an seine Mutter. Die Madonna ihrerseits ist als sehr junge, zierliche Frau dargestellt, die an dem Kind schwer zu tragen hat. In ihren Gesichtszügen liegt eine gewisse Trauer, ein sorgenvoller Fatalismus. Sie schreitet voran, doch langsam, auf Zehenspitzen, zögernd. Auch die notorischen Putti sind — abweichend von ihrer sonstigen Rolle — nicht verspielt und fröhlich oder von rein dekorativem Charakter, sondern ebenfalls eher nachdenklich und besorgt.

Ihre Deutung erlangen alle diese Hinweise, wenn man sich die räumliche Situation am ursprünglichen Bestimmungsort des Gemäldes vor Augen hält: In San Sisto war die ‚Sixtinische Madonna‘ einem großen Kruzifix gegenüber aufgehängt, auf das der Blick der Mutter und des Jesuskindes gerichtet war. Die Gewissheit des Kreuzestodes Jesu ist also, was die Beteiligten mit sorgenvoller Nachdenklichkeit belegt und den Putti die übliche Spiellaune nimmt. Doch mit dem Kreuzestod Jeus geht die christliche Heilsgewissheit einher, und auch von ihrem Optimismus ist in Raffaels ‚Sixtinischer Madonna‘ einiges zu spüren.

Warum von den Abertausenden die Kunstgeschichte durchstolpernden Putti gerade diese zwei untypischen Exemplare in die Popkultur übernommen wurden — man wird es nie wissen. Aber diese Sendboten wider Willen lenken den Blick immerhin auf ein Gemälde, das zu einem der bedeutendsten der Renaissance gerechnet werden muss, das Schwere und Leichtigkeit, Hoffnung und Todesangst in einer sensiblen Perfektion ausbalanciert, von der selbst auf einer Keksdose noch etwas zu spüren ist.

-aldus



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