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Die Entdeckung des Todes. Nicolas Poussins ‚Et in Arcadia ego‘ zeigt zwei Reaktionen.

E

igentlich eine Zumutung: Ein Leben führen zu müssen, das dem Tod nicht enthoben ist. Doch wir sind in guter Gesellschaft. Früheren Jahrhunderten galt Arkadien als irdisches Paradies, das bergige Hochland im Herzen der Peloponnes war schon in der Antike der Inbegriff einer sorgenlosen Ideallandschaft, in der Menschen befreit von mühsamer Arbeit als einfache Hirten im Einklang mit der idyllischen Natur leben. Und dann das: Antike Schriftsteller berichten von der Szene, in der arkadische Schäfer ein Grabmal mit Widmungsaufschrift entdecken und durch dieses Memento Mori jäh ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst werden. Guercino und bald darauf Nicolas Poussin fassten in ihrer Aufschrift die Botschaft des Todes an die Lebenden dann überdeutlich: ‚Et in Arcadia ego‘ — „Auch ich (bin) in Arkadien“.

nicolas-poussin-et-in-arcadia-ego-1 Die lateinische Wendung kann in zweierlei Weise übersetzt werden, zum einen als Aussage des hier Beerdigten, auch er sei Bewohner Arkadiens gewesen, zum anderen (und diese Deutung ist wahrscheinlich die korrekte) als Botschaft des personifizierten Todes, auch in Arkadien sei er zu Hause, also selbst über diesen idyllischen Landstrich übe er seine Macht aus. Die Implikation ist in beiden Fällen dieselbe: Es gibt auf Erden keine Möglichkeit, dem Tod zu entfliehen.

In zwei Gemälden hat sich Nicolas Poussin mit dem Thema auseinandergesetzt, die frühere Fassung entstand 1627, die zweite, bekanntere, 1638. In der älteren Behandlung ist der Aspekt der Entdeckung noch stärker betont; eine dramatische Bewegung der jugendlichen Schäfer hin zum Grabmal wird von einer greisen Flussgottheit als schlaffem Symbol der Vergänglichkeit konterkariert, die ihr Wasser in die genau entgegengesetzte Richtung fließen lässt. Die Schäferin verweist in Kleidung und Geste noch deutlich auf das sexuell freizügige Leben, das man in Arkadien vermutete; ein Totenschädel auf dem Grabmal fügt dem bewegten Bild eine weitere drastische Note hinzu.

nicolas-poussin-et-in-arcadia-ego-2 Poussins ‚Et in Arcadia ego‘ in der Fassung des Jahres 1638 ist ein völlig anderes Bild. Sein Aufbau ist nicht dramatisch bewegt, sondern betont ausgewogen und ruhig. Die Dargestellten streben hier nicht zu einem Punkt am Bildrand, sondern haben sich um die Aufschrift in ihrer Mitte versammelt, zwei Schäfer entziffern die Buchstaben, die beiden Randfiguren rahmen das Geschehen durch ihre aufgelegten Arme und geben dem Bild so Ausgewogenheit. Anders als in der früheren Fassung von Poussins ‚Et in Arcadia ego‘ geht der Blick hier in die Weite der Landschaft und verleiht der streng zentrierten Szene damit noch mehr Ruhe. Die Schäferin ist von einem Symbol unbeschwerten Liebeslebens zu einer weisen Trösterin geworden, die den ratlosen Blick eines der Schäfer auffängt. Anders als im harschen Kontrast von Leben und Tod in der früheren Fassung scheint hier die Vergänglichkeit von Anfang an in das Bild hereingenommen zu sein. Beinahe meint man zu spüren, wie sie über der Weite der Landschaft liegt, sanft und mitfühlend wie die Hand der Schäferin auf der Schulter ihres Gefährten. Aus dem sichelförmigen Schatten, den der entziffernde Arm des halblinken Schäfers wirft, kann zwar etwas wie ein Erschrecken erwachsen. Doch dieses Irritationsmoment wird sofort aufgefangen durch die Ruhe der Randfiguren und vor allem die ungerührt sich in blaue Ferne erstreckende Landschaft.

Wie auch das frühe Gemälde gemahnt Poussins ‚Et in Arcadia ego‘ in der späteren Version an die Endlichkeit allen Seins. Doch während die erste Fassung sich über das „Irgendwann“ erregt, ruhen Mensch und Landschaft der zweiten Fassung in der Schönheit des „Nicht jetzt“.

-aldus



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