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Die Großstadt als Naturereignis. Camille Pissarros ‚Boulevard Montmartre bei Nacht‘ schwelgt in tausend Lichtern und einem Schein.

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ollte es noch Menschen geben, die mit dem Begriff Impressionismus allein üppige Gärten, blühende Wiesen und andere Natureindrücke verbinden — Camille Pissaros ‚Boulevard Montmartre bei Nacht‘ dürfte sie eines Besseren belehren. Die moderne Großstadt war zur Zeit der Impressionisten ein noch relativ junges Phänomen, dem sich die Künstler aber mit der gleichen Unvoreingenommenheit und ästhetischen Neugier zuwandten wie den traditionellen Sujets der Malerei.

camille-pissarro-boulevard-montmartre-bei-nacht Im Februar des Jahres 1897 nahm sich Camille Pissarro ein Zimmer im Pariser Hôtel de Russie und malte eine ganze Reihe von Bildern des Boulevard Montmartre, nur eines davon, das vorliegende, zeigt die Straße bei Nacht. Viel mehr noch als die Ansichten bei Tageslicht macht Pissarros ‚Boulevard Montmartre bei Nacht‘ die Großstadt zu einem rein ästhetischen Phänomen: Menschen, an denen in anderen Gemälden der Reihe immerhin noch Schirme oder Einzelheiten der Kleidung auszumachen sind, werden hier zu grauen, halb durchscheinenden Strichen; die bei Tag prachtvoll aufragenden Häuserblocks sind nur mehr verschwommene Flächen, die sich zum Horizont im Blauschwarz der Nacht verlieren. Schaufenster und Zeitungskioske werfen einen bunten, bedeutungsleeren Schimmer auf die Bürgersteige, die Regennässe macht aus der Straße eine Fläche schieren Lichts.

Das zwanzigste Jahrhundert sollte das Jahrhundert der nächtlichen Großstadt werden, gefeiert in Fotographie, Malerei, Film und Dichtung. Schon in Camille Pissarros ‚Boulevard Montmartre bei Nacht‘ zeigt sich vieles von dem, was spätere Künstler herausstellen sollten: Die Pracht, der eitle Schimmer und die bodenlose Leere der nächtlichen Großstadt, aber auch ihre Einsamkeit und subtile Schönheit. Die Nacht bringt ein anderes, das zweite Gesicht der Stadt zum Vorschein — und die grelle Schminke aus bunten Lichtern kann nicht verbergen, welche Müdigkeit und Trauer in ihrem nächtlichen Ausdruck liegt. Am Himmel allerdings — und auch das zeigt Pissarros Gemälde — wird das schmutzige, chaotische Durcheinander der Lichter zu einem reinen, milden Schein, der über dem ganzen fragwürdigen Spektakel der nächtlichen Großstadt liegt wie ein Segen.

Aldus



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