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Was vom Menschen übrigbleibt. Pieter Bruegels ‚Schlaraffenland‘ zeigt, was das Leben zum Leben macht.

N

och immer hat der Mensch gut daran getan, sich vor seinen Utopien in acht zu nehmen. Und zwar nicht nur vor ihrem Scheitern, wie etwa die Katastrophe des angeblich so gutgemeinten Kommunismus im 20. Jahrhundert mit ihren Millionen Toten lehrt, sondern vielleicht auch vor ihrem Gelingen. Ein Gemälde Pieter Bruegels des Älteren bebildert eine solche gelungene Utopie, und zwar die seit der Antike kursierende Idee eines Landes, in dem im wahrsten Sinne des Wortes Milch und Honig fließen und bereits fertig gegarte Speisen bereitwillig ihrem Verzehr entgegenlaufen. Bruegels ‚Schlaraffenland‘ zeigt in seinem Zentrum drei offensichtlich schon alteingesessene Bewohner: Unter einem verschiedenste Speisen und Getränke servierenden Baum liegen ein Ritter, ein Bauer und ein Gelehrter, links wartet der Knappe des Ritters darauf, dass vom Dach seines Hauses ein Pfannkuchen herabfällt. Speisen laufen verzehrfertig umher, eine gebratene Gans schmiegt sich in einen Teller, hinter einem aus Würsten geflochtenen Zaun erstreckt sich ein ganzes Meer aus Milch. Einem Detail der Überlieferung gemäß, dass sich durch einen Berg aus Teig oder Brei fressen müsse, wer in das Schlaraffenland gelangen will, zieht sich rechts im Hintergrund ein Neuankömmling aus dem abgrenzenden Gebirge.

pieter-bruegel-schlaraffenland Bei allem detailverliebt präsentierten Überfluss strahlt Pieter Bruegels ‚Schlaraffenland‘ jedoch keinen Optimismus aus. Die Bewohner wirken in ihrem Phlegma beinahe wie Leichen, ihre Körper haben gesunde Proportionen verlassen, die Kleidung reißt und wird mit wenig würdevoll anmutenden Behelfsmitteln zusammengehalten. Es findet keine Kommunikation statt, Lanze, Dreschflegel und Buch liegen nutzlos herum.

Pieter Bruegels ‚Schlaraffenland‘ zeigt eine Welt, in der alles Leben zum Stillstand gekommen ist. Die drei Ruhenden der Bildmitte repräsentieren die drei Stände Rittertum, Bauern sowie Klerus mit Gelehrten, stehen also stellvertretend für alle Menschen. Bruegels Anti-Utopie führt so drastisch vor Augen, was vom Menschen bleibt, wenn alle seine Bedürfnisse befriedigt sind: jedenfalls nichts Erstrebenswertes. Es mag den findigen Denkern und Tüftlern nicht behagen, die seit Jahrtausenden nach dem einen großen Gesellschaftsmodell suchen, dem perfekten, fehlerlosen System der zuverlässigen Beglückung aller — doch die einzige Art Alltag, die der Mensch dauerhaft übersteht, ist ein heilloses Durcheinander aus unbefriedigten Bedürfnissen, beschränkten Möglichkeiten und einer Umwelt, die immer zu wenig von dem bietet, was er gerade wünscht. Es mutet recht unphilosophisch und glanzlos an, doch offensichtlich muss der Mensch wohl tatsächlich müssen, wie es das sicher ebenfalls jahrhundertealte Sprichwort weiß. Pieter Bruegels ‚Schlaraffenland‘ jedenfalls verdirbt gründlich jeglichen utopischen Appetit und macht Lust auf das schmutzige, schweißtreibende und ungerechte Abenteuer namens Leben.

-aldus



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