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Zeitvertreib als Utopie. Pieter Bruegels ‚Kinderspiele‘ zeigt 84 Wege, unseren Planeten zu einem besseren Ort zu machen.

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uf den ersten Blick wirkt Pieter Bruegels ‚Kinderspiele‘ wie eines jener Wimmelbilder, in die man sich in seiner Kindheit so gerne vertiefte: Der beengte Raum einer Bilderbuchseite genügte diesen Wunderwerken, um eine ganze Welt emsiger Tätigkeit scheinbar zahlloser Beteiligter zu entfalten, der man auch nach gefühlten Stunden des Betrachtens nicht vollständig auf die Schliche gekommen zu sein glaubte. Das Berückendste dabei war allemal die scheinbare Abgeschlossenheit dieser Universen: Sie schienen auf nichts jenseits des Blattrandes angewiesen zu sein und wahrscheinlich bis zum Ende der Zeit oder länger würde das Beladen von Schiffen, der Bau der Straße oder das Durcheinander eines Bauernhofes weitergehen.

pieter-bruegel-kinderspiele Diese Eigenheiten — hermetische Abgeschlossenheit bei prinzipiell ewiger Dauer — sind wohl auch die beiden wichtigsten Merkmale eines jeden Kinderspiels, und so ist ein Wimmelbild wie Pieter Bruegels ‚Kinderspiele‘ in seiner Wirkung potenziert: Jede spielende Gruppe oder einzeln ins Spiel versunkene Kind ist eine Welt für sich, ebenso wie das Gemälde selbst auf wundersame Weise in sich abgeschlossen wirkt. Natürlich ist es unterhaltsam, den einzelnen dargestellten Spielen nachzugehen: Nicht weniger als 84 hat Pieter Bruegel der Ältere auf diesem Bild versammelt, darunter neben zahllosen heute noch bekannten Spielen auch einzelne, deren Verlauf bis heute nicht enträtselt werden konnte. Doch seinen besonderen Zauber entfaltet Pieter Bruegels ‚Kinderspiele‘, wenn man versucht, das Durcheinander als Ganzes in den Blick zu nehmen. Dann entfaltet dieses anarchische Treiben eine geradezu utopische Kraft und vermittelt eine Idee von der bunten Heiterkeit, die sich einstellte, wenn die Erwachsenen endlich verschwänden oder wenigstens einsähen, dass es keine wichtigere Beschäftigung auf der Welt gibt als das Spiel eines Kindes.

Einstweilen macht uns Pieter Bruegels ‚Kinderspiele‘ betroffen: Wie viele Spiele kennt man selbst noch aus seiner Kindheit? Wie viele der von Bruegel dargestellten Spiele sind heute wohl noch in Gebrauch? Würde er heute malen, zeigte sein Bild nicht lauter einzelne, mit ihren Mobiltelefonen, iPhones und Gamepads beschäftigte Kinder? Oder wäre die Straße schlicht leer, weil alle vor ihren Fernsehern, Computern und Spielekonsolen — oder aber in der Schule, dem Klavierunterricht oder der Chinesisch-Klasse säßen? Haben sie überhaupt noch die Kreativität, die für solch ausgefallene wie die von Bruegel dargestellten Spiele notwendig ist? Doch Pessimismus ist fehl am Platz. Unsere Kinder werden diese Welt schon zu einer besseren machen. Wir müssen sie nur lassen.

-aldus



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